Satire

Von Hitze- und anderen -notfallplänen

Die Kommunalpolitik in Linz (Oberösterreich), meiner Geburtsstadt, verblüfft ihre Bürgerinnen und Bürger mit Handlungsinitiativen, in denen Zukunftspotenzial liegt.

Die Stadt am Strom (Donau) und dort am Urfahraner Ufer an einer Betonplatte namens Jahrmarktsgelände, auf der couragierte Anrainerinnen und Anrainer schon Sommer für Sommer mit Messgeräten Spitzenhitzewerte um die 60 Grad nachweisen; die Stadt, die sich einen wunderschönen Hauptplatz erhält, auf dem es nur so an klimaregulierenden Bäumen fehlt, wodurch diese steinerne Schachtel in jeder Hitzewelle zu einem Backofen wird; die Stadt, deren Politik so viel Freude am Neubauen und dabei Betonieren und Versiegeln von Böden hat: Diese Stadt ließ durch ihre Führungsspitze vor wenigen Wochen aufhorchen. Das Vorhaben eines Hitzenotfallplans wurde präsentiert, er soll erst in einem Jahr fertig werden und dann die „vulnerablen Gruppen“ (ein Begriffsüberbleibsel aus Zeiten unseres Fachsprechens in der Pandemie) schützen, ihnen beispielsweise benennen, wohin sie sich zur Abkühlung begeben können (Jahrmarktsgelände und Hauptplatz fallen da wohl aus). Es könnte an den wenigen kühlen Orten der Stadt dann auch wieder sehr warm werden, wenn sich dort viele Menschen zu versammeln beginnen!

In einem Jahr also wissen wir, was zu tun ist. Das Erstellen des Plans kostet auch etwas, 100.000 (in Worten: einhunderttausend) Euro wurden dafür veranschlagt.

Diese gemeindepolitische Großtat wurde just zu Zeiten präsentiert, in denen parallel für den Bau der neuen Technischen Universität in Erweiterung des bestehenden Campus in den Grüngürtel der Stadt vehement eingegriffen werden wollte. Wiese, Wald, ein Hang, über den im Osten des Stadtteils Urfahr kühlender Frischluftgewinn gesichert und weiterhin zu erwarten wäre, sollen weichen. Viel deutlicher lässt sich zwischen Real- und Planpolitik Paradoxie nicht etablieren.

In der Erfindung eines Hitzenotfallplans liegt aber ein verheißungsvolles Muster, das in dieser Stadt in weiteren Varianten in nächster Zeit wohl zu diesen Planungen bzw. Plänen führen wird. Der Hitze bleibt im nun zu präsentierenden Ranking ein Stockerlplatz verwehrt, dieser Plan ist von vorneherein, wie eben ja ausgeführt, glanzlos, also keine Medaille, nur Platz vier.

Auf Platz drei kommt mit Sicherheit der Landstraßennotfallplan. Die Landstraße, eigentlich die Lebensader der Stadt, wie sie das Zentrum von Nord nach Süd durchzieht, leidet deutlich messbar an Frequenzschwund von Flanierenden und Konsumierenden in Handel und Gastronomie bei gleichzeitiger Zunahme von Leerstand bis hin zum Abschied der letzten Bastion traditionsreichen Handels (ein allseits beliebtes Spielwarengeschäft wird schließen). Der Bürgermeister nun zur wichtigsten Einkaufsstraße der Stadt: „Der Linzer Landstraße geht es gut.“ Wir tippen auf einen Einkaufsstraßennotfallplan um 100.000 Euro, wohl noch im Jahr 2024 beauftragt, mit Realisierung 2025.

Platz zwei: Die Stadt pflanzt zwar wenig Bäume (wenn, dann stellt sie welche in Trögen auf) und tendiert zur Implementierung von großen Spektakeln mitten in wohnbebautes Gebiet, gern dort, wo es bereits besonders heiß auf der Betonplatte (siehe oben) zugeht. Bei so einem Event, der Ende Juni auch wiederkehrt, schnitten die eifrigen Veranstalter 2023 für bessere Sicht des Technikers auf die Bühne einfach einen Baum um. Das muss, in Hoffnung auf ohnedies keine Wiederholung, mittelfristig zu einem Baum-auf-Eventspielflächen-Notfallplan führen, in der Selbstbeauftragung zu erwarten wohl 2025, fertig dann 2026, Kosten: so schätzungsweise um 100.000 Euro.

Platz eins: Den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt missfällt zunehmend das politische Agieren gegen die Notwendigkeiten im Hier und Jetzt, welches dann mit öffentlichem Geld in sechsstelliger Höhe unter dem Titel eines Notfallplans repariert wird, und so begeben sich die Wählerinnen und Wähler in ihren Gemeindepolitiknotfallplan. Sie realisieren ihn im Herbst 2027 an einem Sonntag unter der Bezeichnung Bürgermeister- bzw. Gemeinderatswahl.

Was danach folgt, kann einen akuten Notfall bedeuten. Ob es für diesen dann einen Plan gibt?

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