Kulturpolitik

Kann Kunst richten?

Im Rahmen der Wiener Festwochen 2024, für die Intendant Milo Rau eine „Freie Republik Wien“ ausgerufen hat, kommt es zu sogenannten „Wiener Prozessen“. Die Kunst nutzt dramaturgisch für eine „soziale Plastik“ die Vorgehensweisen der Justiz, also die Prozessordnungen, um sich mit der Corona-Politik von Österreich auseinanderzusetzen.

Das Ganze geschieht in drei Teilen, der erste unter dem Titel „Die verwundete Gesellschaft“, der zweite betrachtete „Anschläge auf die Demokratie“, im dritten wird man sich mit der „Heuchelei der Gutmeinenden“ beschäftigen.

Sehr entscheidend ist in diesem Format, das der Theatermacher Rau schon früher, im Spiegel der Presse-Meinungen durchwegs erfolgreich, entwickelt und eingesetzt hat, die Beteiligung von Leuten vom Fach, also Juristinnen und Juristen, die die Materie an sich qua Professionalität beherrschen wie niemand anderer. „Reale Richter:innen“, „Reale Anwält:innen“, „Reale Schöff:innen“: Das Laufband auf der Website preist dies auch aus, Echtheitszertifikat sozusagen.

Allerdings bleibt die „Performance“ natürlich nur Simulation von Wirklichkeit, ihr Ergebnis ist juristisch und politisch ohne Belang. Kunst richtet zwar, es richtet aber nichts wirklich im Sinn von Urteilen, Erkenntnissen, Ergebnissen. Das, was uns allen bisher als Evaluierungen der Pandemiepolitik vorliegt, aus Berichtswesen der Regierung, ist natürlich von Interessen gesteuert, darunter auch jenen, den Spalt in der Gesellschaft (zwischen jenen, die die Maßnahmen trugen und jenen, die dagegen hielten) wieder zu schließen. Eine notwendige Vorbereitung für ein hoffentlich nicht zu bald wiedereintretendes Pandemie-Ereignis nimmt sich aus Bürgerperspektive höchst bescheiden aus. International muss man das Scheitern eines durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betriebenen globalen Pandemiekonzepts im ersten Anlauf eher unter der Rubrik „Peinlichkeiten des Jahres 2024“ einordnen.

Spannend erweist sich bei den „Wiener Prozessen“ über die Beteiligung „realer“ Expertinnen und Experten des gesellschaftlichen Teilsystems Justiz hinaus, dass sich das Projekt im Zeugen-Aufrufen schon an jene wendet, die sehr real in den Jahren der Pandemie in ihren Rollen Verantwortung getragen haben. Einladungen ergingen hier viele, liest man in den Medien. Nur wenige zeigen den Mut, diese auch anzunehmen, ganz voran der Gesundheitsminister der Pandemie-Anfangsphase, Rudolf Anschober. Aus Politikerkreisen bleiben sonst alle unsichtbar.

Das Ergebnis von Wochenende eins (24. bis 26. Mai 2024) wurde von wien.orf.at am 27. Mai 2024 so zusammengefasst: „Sieben „Geschworene“ der von den Wiener Festwochen ausgerufenen „Freien Republik Wien“ sprachen in einem als Gerichtsverhandlung inszenierten Theaterstück die österreichische Bundesregierung einerseits vom Vorwurf frei, im Zusammenhang mit CoV-Maßnahmen aus der damaligen Sicht rechtswidrig und zu stark in Grundrechte eingegriffen zu haben. Gleichzeitig fällten sie einen „Wahrspruch“, wonach die Regierung zu wenig zum Schutz von vulnerablen Gruppen unternommen habe und hier mehr tun müsse.“

Wochenende zwei ging heute zu Ende, das dritte steht nächste Woche an.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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