Mich trifft es gerade schwer. Schon an sich war der heutige Tag nicht gut. Nun diese Nachricht: In der Nacht auf 22. April 2024 ist der Musiker, Autor und Seelsorger Peter Paul Kaspar in Wien verstorben. Er war in der Oberstufe meiner Gymnasiumszeit mein Religionslehrer, und das ist schon viel zu kurz gegriffen.
Denn in dieser Zeit, Anfang der achtziger Jahre, erweiterte sich unser Unterricht für Freiwillige wie Interessierte in ein kirchlich geführtes Jugendzentrum, keine hundert Meter vom Akademischen Gymnasium in Linz (Oberösterreich) entfernt. Dort erörterten wir im kleinen, begeisterten Kreis Fragen von Literatur, Musik und Philosophie, ließen uns von Paul animieren, selbst zu schreiben, unsere Werke auch vorzulesen, zu diskutieren. Wir weckten uns dabei unsere Freude an Kunst, passiv rezipiert, aktiv mit ganz vorsichtigen Schritten hinein.
Der Mann mit Vollbart, im Mundwinkel gern die gute Pfeife, immer schmunzelnd, und das in einer Mimik, die auch noch in den Augenwinkeln seine Freude an der Jugendarbeit zeigte, die er sowohl im Gymnasium als auch als Jugendseelsorger lebte, lud uns auch in seine Dienstwohnung in der Kapuzinerstraße ein. Dort stand eine kleine Orgel und mit seinem Spiel, auch in Details und Erklärungen dazu, machte er uns die wunderbaren musikalischen Welten von Johann Sebastian Bach zugänglich. Peter Paul Kaspar war ein famoser Musiker, am Klavier und an der Orgel. Kunst und Kirche verstand er immer als eins, seine Theologie interpretierte er sehr weltoffen und als Autor zahlreicher Bücher, in denen er diesem Zugang Stimme gab, machte er es sich selbst im katholischen Umfeld nicht leicht. „Zuwendung“ hieß ein Buch, Untertitel „Ein Weg, Kommunikation, Partnerschaft und Sexualität zu lernen“ (ich versuche gerade, es zeitlich in seiner Erscheinung einzuordnen, die sechste Auflage datiert aus 1984). Die Kirchenobrigkeiten hatten mit diesem Interpretationspfad vor allem zum Thema Sexualität dazumals wenig Freude und irgendwie erinnere ich mich daran, dass der Glücksfall meiner oder, für meine Klasse gesprochen, unserer Begegnung mit Paul dem Umstand verdankt sein muss, dass ihn die Kirche nach Linz „strafversetzte“.
Nach der Matura blieb die Freundschaft sehr lange erhalten, denn Paul nahm dankenswerterweise eine Rolle an, die ich heute als unser Familienseelsorger bezeichnen möchte. Zu den großen kirchlichen Festen, die wir mit ihm feiern durften, zählten da etwa die Silberne Hochzeit meiner Eltern in der Linzer Martinskirche und unvergessen ist natürlich die Taufe unserer Tochter in der Ursulinenkirche Anfang August 1998, dort wo er als Akademiker- und Künstlerseelsorger und als Rektor dieser Kirche wirkte und bis 2013 neben den Messen den Raum immer wieder auch für bildende Kunst und Konzerte öffnete, in Sachen Musik immer wieder auch unter eigener aktiver Beteiligung an der Orgel.
Die Nachricht von deinem Tod, lieber Paul, trifft mich sehr. Ich verneige mich vor dir, mit Dank für alles.
Foto: Eines meiner liebsten Bücher von Peter Paul Kaspar: „Die Uhren lügen. Von der Gelassenheit im Umgang mit der Zeit“ (1984)
