Soziales Handeln

Schweden-Rätsel – (un)gelöst!

Wer andere Länder bereist, studiert natürlich auch die Sitten des Alltags. Manche entschlüsseln sich schnell. Andere hüten ihr Geheimnis, um es irgendwann (vielleicht) dann doch zu lüften. Nun also viermal ein „Warum?“, Fragen aus der ersten Augusthälfte 2023 anlässlich unserer Reise nach Nordschweden.

Warum sind die Fahrzeuge der „Post Nord“ rechtsgesteuert? Himmelblau leuchten die Kleinlieferwagen im Straßenverkehr, sie fallen nicht nur wegen ihrer Farbe auf, sondern auch weil sich der Zusteller im – natürlich! – schwedischen Rechtsverkehr ebenso rechts hinter das Steuer setzt. Darin liegt Zeit- und Wegersparnis für den Mitarbeiter, der sein Fahrzeug auf der Seite jenes Wegesrands verlässt, um die Post dort in die gleich zu Beginn des (schwedisch) Vägens angeordneten Briefkästen zu verteilen. Hauszustellung ist in den weiten Räumen der Besiedlung (Bezirk Kiruna: ein/e Einwohner/in pro Quadratkilometer) zeitlich genauso wenig möglich wie die Schritte des Fahrers rundum sein Fahrzeug, vorne oder hinten. Der Laderaum des hellblauen Kastenwagens lässt sich übrigens von beiden Seiten mit Schiebetür öffnen. Rätsel gelöst.

Warum schimpft man im Norden so auf die Stockholmer Bevölkerung? Wir machen auf unserer Fahrt zurück von Jokkmokk nach Kiruna Zwischenstopp in Porjus bei einem Souvenirhändler, der auch Rentierfelle in seinem Sortiment führt. Unser Gespräch beginnt in Englisch, in unseren Ohren sprechen wir nicht sonderlich mit deutschsprachigem Akzent, in seinen schon. „Germans?“, fragt er, vielleicht knapp über 30 Jahre alt, vom Typ her korpulenter Nerd, unsere Stieg-Larsson-Begeisterung lässt uns ihn als einen Hacker-Freund von Lisbeth Salander einordnen. „No, Austrians!“ – „Warum sagen Sie das nicht gleich? Ich spreche fließend Deutsch“. Er preist seine Ware an, erklärt den Trocknungsprozess der Felle, rühmt sich selbst, noch ein wahrer Händler zu sein, während sonst seine schwedischen Landsleute am liebsten haben, dass sich die Leute alles selbst aus den Regalen nehmen und dann mit der Kreditkarte (Bargeld ist de facto abgeschafft) selbstständig bezahlen: „Die Schweden haben eine Sozialphobie“, diagnostiziert er knapp und dann bricht es aus ihm heraus, dass die Stockholmer ihre Stadt nicht verdienen, doch bitte hinunter sollen nach Malmö, wo ohnedies schon alles kaputt sei. Die viel freundlicheren Göteborger mögen nach Stockholm übersiedeln. Würde man sein Sprechen niederschreiben, es könnte die Schimpftirade auch stilistisch in jedem Buch von Thomas Bernhard Platz finden. Warum dieser Hass im hohen Norden auf die Hauptstädter mehr als eine Flugstunde entfernt im Süden? Rätsel ungelöst.

Warum plötzlich intensiv koordinierende Maßnahmen gegen eine „disease“, die sie als „stomach flu“ bezeichnen? Wir hörten erstmals am Sonntag, 6. August 2023, von einer grassierenden „stomach flu“, an einem Badeplatz treffen wir eine Familie aus Schärding (Oberösterreich) im Campingmodus, der Familienvater hat für 14 Uhr eine Führung in der Mine von Kiruna gebucht, kehrt Stunden später zurück und berichtet, Angst gehe um, Handdesinfektion wäre nun wieder vorgeschrieben. In einem großen Hotel in der Stadt gelte ein Check-in-Stopp für neue Gäste. Drei Tage später lesen wir in Abisko am Eingang zum Kungsleden die behördliche Verordnung, mit der gebeten wird, vorhandene Buchungen verfallen zu lassen, Neubuchungen werden nicht angenommen, es geht um Schlafplätze in den „mountain huts“ des Weitwanderwegs, welche die Behörden nicht sperren können, weil zahlreiche Wanderer unterwegs und natürlich auf die Unterkünfte angewiesen sind. „Stomach flu“, also Magengrippe, kann im Volksmund nur umschreiben, was Noroviren anrichten. Ausgangspunkt dieser Welle dürfte die „Kebnekaise Mountain Station“ sein, zumindest bezieht man sich im Behördenschreiben, schwedisch und englisch angebracht, auf diesen „Ursprung“. Der Schärdinger sagte noch: „Hoppla, da kommen ja Erinnerungen hoch.“ Uns auch: Mit Corona zeigten die Schweden doch einen so ganz anderen Umgang, sie ließen die Wellen quasi durch, bezahlten dafür mit vielen Leben insbesondere alter Menschen. Nun greift bei Verbreitung einer Verdauungsstörung ein Sicherheitskonzept, irgendwie sehr kontrastreich zum Vorgehen bei der Corona-Pandemie. Seltsam ist dabei auch die Sperre eines von zwei großen Parkplätzen bei der Abisko Tourist Station. Warum blieb aber einer offen? Warum wurde eine weitere Stellfläche auf der anderen Seite der Bahngeleise beworben? So entschlossen abwehrend, dann aber doch durchlässig? Ein Rätsel – ungelöst.

Warum ziehen Nordschweden mit ihren Autos flache geschlossene Anhänger durchs Land und kilometerweit über die Straßen? Erstens geht es darum, den eigenen Müll zu Abfallwirtschaftsstellen zu liefern, im fixen Gehäuse des flachen Anhängers geschützt vor Wind und darum unfreiwilliger Zerstreuung in der Natur. Zweitens wird damit Baumaterial transportiert, unter gleichen Sicherheitsaspekten. Rätsel gelöst. Beides erfolgt übrigens so oft, dass es wirklich auffällt, vielleicht auch deswegen, weil manche dieser Anhänger so breit sind, dass die Rückspiegel des Zugfahrzeugs nicht irgendeinen Hinweis liefern, was sich an Verkehr hinter so einer Fuhre staut – und das bei einem Verkehrsaufkommen, das sich verglichen mit jenem bei uns in Mitteleuropa eigentlich durch Einsamkeit auszeichnet.

Foto: Alttajärvi am 8. August 2023 nahe Kiruna/Nordschweden

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