Genau. Dieses Wörtchen hat einen kleinen Siegeszug angetreten. Es hat sich seit einiger Zeit einen fixen Platz erworben. Plötzlich erklingt es nach Sätzen, ganz kurz bleibt eine Pause zuvor. Dann geht es in seine Lautung. Genau. Die Stille danach tendiert, gemessen in Sekundenbruchteilen, gegen Null. Ein neuer Satz fügt sich an. Und das dann grundlos nachfolgende „genau“ will sich anmaßen, den Takt anzugeben. Genau.
Füllsel kennt unser Sprechen schon immer, verbale, denen eine Bedeutung, also eine Semantik zugeordnet ist, ebenso wie Vokale, die tönen, ohne nur irgendwie einen Sinn beizutragen. Sie resultieren aus unserem Bedürfnis, eine noch so kurze Stille zu durchbrechen. Das Schweigen eines Nachdenkens hat eine Tendenz zum Ton. Der ästhetisch verwerflichste dabei ist mit Sicherheit dieser: „ääh!“.
Andere sind sprachlichen Färbungen einer bestimmten Region entsprungen, so etwa das einem Satz gerne nachgestellte „oder“, welches ein Satzzeichen dazu braucht, um sich in der Melodie erst zu vervollkommnen, also „oder?“, und lautschriftlich erst wirklich richtig wird als „odr?“. So wie es unsere Freundinnen und Freunde westlich des Arlbergs, ob noch in Österreich (Vorarlberg) oder in der deutschsprachigen Schweiz, mit Leidenschaft pflegen. Ein Füllsel mit Funktion: Jede Aussage wird in der Dialogpartnerschaft in ihrer Faktizität hinterfragt. Zugleich ist das „odr?“ auch das Sprechsignal, dass die Senderin bzw. der Sender fertig ist, die Empfängerin bzw. der Empfänger nun die Rolle zu senden übernehmen darf, „odr?“ so wie „over“ beim Funken.
In meinen vielen Dienstjahren als Lehrer habe ich mich sehr lange darum bemüht, Jugendlichen im freien Sprechen zu (natürlich zuvor gut inhaltlich vorbereiteten) Themen die Aneinanderreihung von Faktenaussagen durch das Wort „außerdem“ abzugewöhnen. So Informationen zu verbinden oder Überleitungen zu gestalten, wurde zu einer sehr leblos wirkenden Aufzählung. Das Wissen, das es zu vermitteln galt, immer sehr spannend, wurde vom sprechmaschinellen „außerdem“-Präsentieren langweilig gemacht. Diese Mode-Erscheinung ging vorüber.
Mit „genau“ hob eine neue Trendwelle an, ich interpretiere die Bedeutung: Selbstbestätigung. Ein Aussagesatz, danach das Wort, ein Dialog mit sich selbst, so etwas wie sprachliche Isolation, ich mit mir auf einer Insel. Ich sage etwas und mein anderes Ego stimmt dem zu, es bestärkt mich. Darum kann ich weitermachen.
Psychologisch ist das Phänomen freilich untersucht und schlussendlich darauf zurückzuführen, dass uns Stille während unseres Sprechens schwer ertragbar scheint. Die Stille dehnt sich, wir erleben diese (bestenfalls) Sekunden als unerträglich, zu lange gibt es nichts von uns zu hören. Gegen diese eigene Verunsicherung gehen wir insofern vor, dass wir unserem Nachdenken einen Laut geben. Allemal passender als das Verkr-„ääh!“-chzen unserer Arbeit im Gehirn ist jedes Wort. Zurzeit eben „genau“. Hören wir also zu, wie lange es die Trendwelle surft! Und von welchem anderen es beizeiten abgelöst werden wird.
Kategorien:Sprache

Genau. Gut beobachtet. Ich meine, das Wort „genau“ nur als Zustimmung zu der Aussage des Gesprächspartners zu verwenden, nicht zu meiner eigenen, als Lückenfüller. Und ich frage mich, wo ich das Phänomen, das du beschreibst, erlebe. Im Fernsehen? Internet? Im Gespräch mit Verwandten oder Freunden? Ich habe nur hin und wieder Gelegenheit zu rein deutschsprachiger Konversation. Muss ich künftig mal drauf achten.
Die italienischen Kolleg*innen lästern über mein „Ach so.“ oder auch nur „So.“ Das sage ich gern. So vor mich hin.
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