Sprache

Ziehen, rauslassen oder abheben?

In der allseits überschätzten Transkription einer Podcast-Reihe, in der sich Martin Suter und Benjamin Stuckrad-Barre – beide Autoren von mir geschätzt und sehr verehrt – über so ganz Verschiedenes aus dem Leben unterhalten, fand ich nicht wirklich Unterhaltung.

Da nehme ich den Titel, unter dem die nachlesbare Version erschien, „Alle sind so ernst geworden“ vielleicht genau so, was er aussagen will. Sachlich oder ironisch? Ich frage mich halt nur, warum man Plaudereien, die das geduldige Internet als Audiofiles bereithält, auch noch auf Papier, gebunden, in der Ausstattung sogar mit Lesebändchen, in den Handel bringen muss. Oder will, abgesehen davon, dass Zeitgeist auch in Tantiemen gemessen werden darf. Und Kühe gemolken werden wollen, solange sie Milch geben. Die Verkaufszahlen waren keineswegs bescheiden.

Selbst wenn ich so ernst geblieben wäre, mein Anspruch an Lektüre darf bestehen. Nein, sie war nicht erfüllend. Allein eine Erkenntnis nahm ich mit, und zwar aus der Stelle, als Suter und Stuckrad-Barre kurz sprachphilosophisch wurden und jene Verben erörterten, die in den geographischen Räumen gleicher Sprache – Deutschland, Österreich, Schweiz – für das Schreiten zum Geldausgabe-Automaten und die dort erfolgende Handlung zum Einsatz kommen.

Während man in Deutschland Geld „zieht“, heißt es in der Schweiz „rauslassen“ und in Österreich „abheben“. In Deutschland scheint sich das Zahlungsmittel also etwas zu sträuben, im „Ziehen“ liegt eine Energie, die auch ein Festhalten auf der anderen Seite vermuten lässt. In der Schweiz wiederum klingt das „Rauslassen“ nach einer Befreiung für eine endlich notwendige Wirksamkeit, die der Schweizer Franken zu entfalten hat. Auf der Bank und in den Geldautomaten scheint er gefangen. In Österreich steckt im „Abheben“, dass man sich die Geldscheine als Stapelware vorstellt, was also auch bedeutet, dass das Verb suggeriert, es bliebe genügend verfügbares Geld zurück. Die Bedeutung steht aber auch für eine Handlung, die dann zum Einsatz kommt, wenn man die Mischung des Stapels überprüfen will, um im nachfolgenden Spiel nicht trickreichen Fingern zum Opfer zu fallen, im Kartenspiel.

Wie auch immer Sie es nun am kommenden Weltspartag halten wollen, ob sie Geld ziehen, rauslassen oder abheben, leider ließen uns die beiden Schriftsteller nicht in eine Welt möglicher sprachlicher Differenzen blicken, die den umgekehrten Weg beschreibt. In Österreich legt man Geld ein. In Deutschland? In der Schweiz?

Foto: Pexels/Free Photo Library

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