Theater

Was ist denn überhaupt Glück?

Im doppelten Sinn sehr spät reihte sich nun auch das Landestheater Linz (Oberösterreich) unter jene Bühnen, für die es im Fernsehprogramm ORFIII, Spartensender des Österreichischen Rundfunks für Kultur und Information, heißt: „Wir spielen für Österreich“. Am 30. April ging eine Fernsehfassung der Nestroy-Inszenierung vom „bösen Geist Lumpazivagabundus“ über den Sender. Ab 22:35! Was für eine seltsame Programmpolitik, Nestroy in die quasi Nightline der Reihe zu schieben, mit der österreichische Theater unterm Titel wie einem Bekenntnis für ein nur auf die Nation ausgerichtetes Teamplaying präsentiert werden. Das „Wir spielen für…“ klingt ja irgendwie eher nach Fußball.

Georg Schmiedleitner, aus dem Kreis der Gründer der Jungen Spielstatt Leonding, dann Theater Phönix Linz in die Regisseurriege der deutschsprachigen Bühnenwelt hinausgewachsen, hat sich gerade in Nestroy-Interpretationen Rang und Namen gemacht, sucht aber bei seinem „Lumpazivagabundus“ statt der Neudeutung des Volksstücks die Parabelaussage, als hätte Bertolt Brecht einen Versuch über Liederlichkeit dreier Handwerker angeordnet. Ausgangspunkt: Die drei schlafen sich im Volksgarten vor dem Musiktheater Linz ihren Rausch aus und werden zu Beginn des Theaterabends von der Exekutive aufgestöbert. Das Ganze als kurzer Schwarzweißfilm, Handwerk also ohne Farbe und erst recht ohne goldenen Boden, ein Zuspieler als Vorspiel, dazu arbeitet der Mann am Klavier, als gelte es einem Stummfilm Drama zu geben.

Im Reich der Geister geht´s danach luftig-lustig zu. Das karge Bühnenbild von Harald B. Thor wird nur in einer hochfahrbaren Bar für die Wette um die Redlichkeit jener, die aus Glück etwas zu machen imstande sind, konkret. Amorosa und Fortuna tragen ihre Botschaften in Textzeilen auf dem Kostüm (Entwürfe von Cornelia Kraske), „cost it what it may“ ziert Fortunas Bauch. Der quertreibende Geist aus dem Possentitel ist hier weiblich und mit der immer wieder betörend spielenden Theresa Palfi natürlich brillant besetzt. Outfit, Frisur, Make-Up, es hat den Anschein, als schiebe Schmiedleitner hier bewusst einen femininen Mephistofeles in den Nestroy. Die Versuchung mit dem gedrittelten Lotteriegewinn ist ja auch eine darauf, wer die Lockungen des Geldes zum eigenen Glück wandeln kann, wobei Schmiedleitner als Moralist seiner Nestroy-Brecht-Deutung Kapitalismus und Wohlstand des in der Steigerungsdynamik der Moderne als brav erscheinenden Tischler Leims ausstellt. Ein Jahr danach floriert dessen Unternehmen, er ist mit Peppi verheiratet. Sein blauer Slim-Fit-Anzug sitzt perfekt und die Frisur ist zurückgegelt, so als führe er nicht eine Tischlerei, sondern ein ganzes Alpenland. Für den Saus und Braus, dem sich Zwirn und Knieriem ihr Jahr verschrieben haben, erfolgt die Strafe in wie Lätzchen vorgespannten Hemdbrüsten samt Krawatten und das Familienglück aller steht zum Schlussbild mit in Armen zur Beruhigung geschaukeltem Nachwuchs und gleichzeitig aus gleichem Ansinnen gerüttelten Kinderwägen, als wollte man über diese Bestimmung die Frage aller Fragen aufwerfen: Was ist denn überhaupt Glück?

Gibt es ein solches auch für die Fernsehfassung der Inszenierung? Denn man dreht nach zwei Stunden ab und denkt sich: Nestroy? Das war´s nur in der Besetzung jenes Trios, ohne dem ein „Lumpazivagabundus“ keineswegs funktionieren kann. Und somit liegt der Segen für das Landestheater Linz darin, im Ensemble Potenzial zu haben, das in diesem Experiment, das sich ein „Glotzt nicht so romantisch!“ auf die Possen-Fahne geschrieben hat, die drei Handwerker spielen kann, und wie: Jan Nikolaus Cerha den Zwirn, Daniel Klausner den Leim und Julian Sigl – was für einen großartigen! – Knieriem. Wegen dieser drei lohnt sich der Besuch der Bühnenfassung. Genau in einem Monat (9. Juni 2021) soll diese, vorausgesetzt der Öffnungsplan in Österreich hält, im Schauspielhaus des Landestheaters Linz Premiere haben.

Foto: Jan Nikolaus Cerha (Zwirn), Julian Sigl (Knieriem), Daniel Klausner (Leim) – Landestheater Linz

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