Kulturpolitik

Diese Stadt ist ein Museum an sich

Steyr (Oberösterreich) ist in diesem Jahr Standort der Landesausstellung, ein Format, das heute einerseits als ein wenig überholt gilt, andererseits doch lieb gewonnen wurde und vor allem von Kommunen sehr geschätzt wird. Denn es verspricht zumindest in von einem Virus unbekümmerten Zeiten zahlreichen Zuspruch. Denn die Ausstellung gilt zumeist als fixer Programmpunkt von organisierten Ausflugsfahrten in den Altersgruppen Schülerinnen und Schüler bis Seniorinnen und Senioren. Solche Gruppenreisen sind vorerst für Schülerinnen und Schüler seit vergangenen Montag wieder erlaubt. Auf Umwegrentabilität für die lokale Wirtschaft und dabei insbesondere die Gastronomie wird man dennoch noch warten müssen, was auch immer von ihr in den kommenden Wochen erlaubterweise geöffnet sein mag.

„Arbeit Wohlstand Macht“ ist die oberösterreichische Landesausstellung 2021 überschrieben, ein Untertitel verrät mehr: „Eine Stadt erzählt Geschichten unserer Gesellschaft“. An drei Standorten (Schloss Lamberg, Museum Arbeitswelt, Innerberger Stadl) geht man dieser Erzählaufgabe nach und man hat sich mit der knapp 38.000 Einwohnerinnen und Einwohner großen Stadt, der drittgrößten in Oberösterreich, einen für das Konzept wirklich spannenden Schauplatz ausgesucht. Dies nicht nur, weil ein reflexiver Umgang mit der eigenen Stadtgeschichte schon vor 34 Jahren in einer Landesausstellung gefeiert worden ist: 1987 hieß die Schau „Arbeit Mensch Maschine“ und sie erweckte das damit eröffnete Museum Arbeitswelt als revitalisierten Fabriksbau im Wehrgraben zum Leben. Zugleich wurde dazumals definitiv abgeschlossen, was die Stadtpolitik zuvor für diesen historisch trächtigen Stadtteil am Steyrfluss vorgehabt hätte, nämlich Schleifung, Aufschüttung und eine Zweckwidmung als Siedlungsgebiet mit Freizeitanlagen. Eine Bürgerbewegung wehrte erfolgreich diesen Anschlag auf die eigene Stadtgeschichte ab.

Diese Stadt ist ja ein Museum an sich, nicht allein ihrer Gebäude wegen. Auch wollen wir hier nicht von jenem retro-politischen Ansinnen von Anfang April reden, nachdem die MAN-Belegschaft ein Übernahmeangebot abgelehnt hatte, der Kurs nun neuerlich auf unabwendbare Standortschließung lautet und tatsächlich (anno 2021!) Staatsbeteiligung für den MAN-Werkstandort gefordert worden ist.

Wir betrachten den Mikrokosmos der Stadt. Bis in die jüngste Gegenwart hinein gibt sich die Stadtregierung wieder und wieder selbst „museal“, im Sinn eines Bewahrens alter Handlungsprinzipien. Die zwar nicht mehr absolute sozialdemokratische Mehrheit, über lange Jahre geprägt und eben getragen von den (bewusst nur männlich!) Betriebsvertretern der großen Produktionsstandorte am Standort, zog mit sozialpolitischer Fürsorge im Stil des legendären österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky bis ins 21. Jahrhundert. Das gönnerische Wohlwollen brachte Belastungen für die Finanzen der Gemeinde. Heute sind die Budgets weitgehend saniert. Die Pandemie-Auswirkungen bilden sich darin noch nicht ab, wie wohl in jeder anderen Kommune Österreichs auch.

Im November 2018 brachte es die Stadt kurzerhand zu großer Bekanntheit im deutschsprachigen Raum. Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen des Stadtplatzes ließ der zuständige Magistratsbedienstete mit dunkleren Steinen seinen Familiennamen ins Kopfsteinpflaster legen. Nach Enttarnung dieser privatmusealen Manifestation (auf Allgemeinkosten!) für die eigene Unsterblichkeit winselte der Beamte, zugleich sozialdemokratischer Gemeinderat, noch etwas davon, die Buchstaben hätten nur zufällig seinen Namen ergeben, eigentlich erwiesen diese den platzansässigen Wirtschaftstreibenden ihre Reverenz. Er durfte die Steine auf eigene Kosten wieder entfernen lassen. Irgendwie schade! Als Mahnmal des Hochmuts hätten sich die Steine im erweiterten Kontext der Landesausstellung vielleicht gar nicht so schlecht präsentieren lassen.

Gegen Ende des Jahrs 2020 zeigte man in einer Personalrochade, wie sehr sich die lokale Sozialdemokratie noch ihrem guten alten Schlag verpflichtet sieht. Oder besser gesagt: mehr dem Parteistatut als der Wahlordnung. Der in den Stadtsenat nachrückende Bürgermeisterkandidat (im Herbst 2021 finden in Oberösterreich Landtags- und Gemeinderatswahlen statt) machte ein Nationalratsmandat frei. Dies ging ganz gemäß Reihung der Liste an die Bürgermeisterin von Altmünster (Oberösterreich), nicht aber an den aus der Region dafür protegierten Arbeitnehmervertreter. Die Stadtpartei zürnte und drohte der gemäß Wahlordnung rechtmäßig nachrückenden Mandatarin mit einem Parteiausschlussverfahren. Als Studie eines aus vergangenen Jahren kommenden Apparats weit ab von zeitgemäßem Verständnis von Demokratie fand dieser Parteistreit in der Öffentlichkeit nur Kopfschütteln und Heiterkeit.

Auch das alles, hier nur beispielhaft dargestellt, gehört zu „Geschichten unserer Gesellschaft“ dieser wirklich schönen und absolut lebens- und liebenswerten Stadt: Geschichten, die man auch erzählen muss, wenngleich es sich um solche handelt, die manche im offiziellen Rahmen der Landesausstellung lieber hinter einem versiegelnd vor geschlossene Lippen gelegten Zeigefinger verborgen wissen wollen.

Foto: Blick von der Stadtpfarrkirche auf den Stadtplatz von Steyr (Oberösterreich)

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