Philosophie

Vom stillen Verschwinden

Diese Gedanken hier entwickle ich schon länger und sie bekommen in der Gegenwart der Pandemie naturgemäß eine erweiterte Bedeutung. Der heutige Karfreitag ist in den christlichen Religionen ein hoher Feiertag, wir gedenken des Leidens und Sterbens von Jesus Christus.

Hier, wo ich wohne, beobachte ich. Nicht nur in diesen Tagen einer erhöhten Bezogenheit auf sich und sein direktes Umfeld, weil die Ausgangsbeschränkungen die Motive seiner sozial handelnden Orientierung nach außen ja auf die berühmten vier Punkte konzentrieren lassen.

Immer schon habe ich bei Blicken aus dem Fenster oder bei Spaziergängen mein „nosing around“ auf Mitmenschen gelenkt, mit denen ich vielleicht mit nicht mehr als einem Blick in Beziehung trete. Etwa mit jenem Paar, das ganz lange Zeit immer wieder vorbeispazierte, sie hatte sich bei ihrem Mann eingehängt. Sie trug eines dieser Tücher am Kopf, die zu interpretieren, weswegen sie es trägt, kaum Raum offen lassen. Die Kopfbedeckung trifft eine klare Aussage über die gerade laufende Therapie. Die Haut ihres Gesichts erschien zudem wächsern und grau. Ich mochte die körpersprachliche Innigkeit des Paars bei seinem Vorbeischlendern. Sie murmelten immer etwas miteinander, ihre Schritte schienen beschwingt. Wochenlang schon habe ich die beiden nicht mehr gesehen.

Bei meinen Laufrunden begegnete ich regelmäßig einem klein gewachsenen, knorrigen alten Herrn, der mit seinem Rollator unterwegs war. Gerne rastete er am Wegesrand, indem er seine Gehhilfe als Sitzgelegenheit zu nutzen wusste. Dann schob er die englische Kappe ein wenig zurück und genoss die Sonnenstrahlen. Ich grüßte ihn immer, wenn ich an ihm vorbeilief. Er grüßte zurück, zuletzt dann schon mit der kumpelhaft gehobenen Hand, ein Zeugnis von Vertrautheit. Wir hatten darin unser kleines, uns lieb gewordenes Ritual. Es verband uns, ich nannte ihn für mich meinen Coach. Ich sah und grüßte ihn gern. Wochenlang schon habe ich ihn nicht mehr gesehen.

Ich muss annehmen, dass das stille Verschwinden beider, der Frau mit dem Kopftuch und meines Coachs, mit dem Verlust des Lebens beider nach schwerer Krankheit bzw. langem Leben zu tun hat.

Grund genug, sie in Gedanken beispielhaft für all die auferstehen zu lassen, die wir wahrnehmen, obwohl wir einander nicht näher kennen, und wenn wir achtsam sind, vermissen, wenn sie von dieser Welt gegangen sind. Dieser Karfreitagsabend bietet einen guten Anlass dazu.

Foto: Blumengruß des Frühlings 2020 am Buchensteig/Reichraminger Hintergebirge (Oberösterreich), fotografiert am Tag 2 vorm „shut-down“

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