Gesundheit

Verzicht in der Krise und erst recht danach

Wenn man die Corona-Krise in ihrem zeitlichen Verlauf für Österreich aufrollt, findet man am 25. Februar 2020 mit der aus Italien stammenden Rezeptionistin und ihrem Freund aus Innsbruck die ersten Erkrankten. Am 25. Februar war Faschingsdienstag, Höhe- und Endpunkt der launigen Zeit. Tags darauf begann die Fastenzeit, die uns an ihrem Tag 20 (16. März 2020) Verzicht lehrte, wie wir ihn noch nie für uns selbst definierten, in Ausgangsbeschränkungen.

Ich habe mir in der Fastenzeit noch nie Entbehrungen auferlegt, weil ich ein Leben frei von jeglichem Übermaß an Konsum führe, mir darum eine Selbstbefreiung von Schokolade, Alkohol oder sonst etwas als Diätprogramm, religiös scheinlegitimiert, zuwider ist. Mir ist in der Fastenzeit Ruhe-Finden, Nachdenken über Auferstehung, den Kreislauf von Tod und Leben, dessen Blüte wir mit Ostern feiern, wichtiger.

Die Pandemie erfordert von mir nun sehr schweren Verzicht, und zwar in meinen sportlichen Aktivitäten. Ich zog zuletzt am 7. März 2020 meine Bahnen, hoffte in der Ankündigung des shut-downs noch auf eine Schwimmchance eine Woche später, erfragte in meinem persönlichen Trainingszentrum, wie es denn aussieht und der Bademeister antwortete auf meine E-Mail, kein Problem, wir sind schon lange nicht mehr auf 100 Gäste. Schlussendlich war´s dann doch so, dass auch das Ennstal-Hallenbad in Losenstein mit 14. März schloss, vorerst bis einschließlich Ostermontag. Mehr als vier Wochen ohne nur einen Kraulzug. Und voraussichtlich noch länger. Das ist für einen Schwimmer Höchststrafe. Im open water ginge es zwar, doch halte ich mich wie die KollegInnen vom Eisschwimmen an die Vorbildwirkung, die wir Trainierten – egal ob nur in Badekleidung oder im Neopren – jenen zeigen müssen, die wir durch unseren Sport verführen könnten. Es kann für die Gesundheit jener riskant werden, die kaltes Wasser nicht gewöhnt sind. In Folge würde es beschwerlich für Rettungskräfte und Gesundheitssystem, die verunglückte Schwimmer bergen und versorgen müssen. Dafür gibt es in diesen Tagen keine Kapazität.

Verzicht. Mit diesem hat der Handel ein gewaltiges Problem. Seit der Finanz-, dann Wirtschaftskrise in Folge der Pleite der Lehman Brothers (2008/2009), also schon über zehn Jahre hinweg, hält sich Wirtschaft nur durch die Kraft des privaten Konsums über Wasser. Und das anscheinend mit Wasserspiegel bis an die Unterlippe, sodass eine zwei- bis dreiwöchige Schließung von Geschäften deren Inhaber in pure Panik treibt. Da spricht dann der Vorstandsvorsitzende einer Modehauskette vom „Handel als menschlichem Körper, der pro Woche drei Liter Blut verliert“, womit er meint, dass dieser nach zwei Wochen dann tot sei. Meine Medizin studierende Tochter klärte fachlich zur fragwürdigen Metapher auf: Nach einer Woche wäre er schon mausetot. Auf diesen sprachlichen Vergleich hätte der Herr gut und gern verzichten dürfen; er ist moralisch verwerflich in einer Zeit, in der Menschen wegen dem Coronavirus sterben.

Verzicht. Die staatliche Bereitschaft, die wirtschaftlichen Folgen aufzufangen, bemessen in Milliarden an Härte-, Not-, Rettungsfonds, sollte nicht außer Acht lassen, dass diese Großzügigkeit von uns allen im nächsten Jahrzehnt verdient und bezahlt werden muss. Ohne Steuererhöhungen wird das nicht gehen. Im besten Fall erleben wir einen Change zu einem anderen Steuersystem, etwa ökologisch ausgerichtet. Was wäre nun mit einer wirklich tragkräftigen Finanztransaktionssteuer? Diese wäre wohl effektiver als jene Corona Bonds, zu denen sich EU-Staaten nicht durchringen wollen. Frau Van der Leyen spricht für die Europäische Union von einem Marshallplan. Da nimmt sie den Mund etwas sehr voll für die Union, die in der gegebenen Krise ein schreckliches Armutszeugnis ablegt. Nicht einmal die Sammelbestellung medizinischer Güter brachte sie bislang auf den Kontinent. Abgesehen von allen hochgefahrenen nationalen Grenzen ist jeder Mitgliedsstaat weitgehend auf sich allein gestellt. Der gemeinsame Europagedanke löst sich derart in einer Art pauschalen Verzichtserklärung in Sachen Zusammenhalt auf.

Die Alternative zur turbokapitalistischen Aufholjagd des in der staatlichen Wirtschaftsquarantäne Versäumten heißt in jedem Fall „neue Bescheidenheit“, Einkaufen bei der regionalen Wirtschaft, ob physisch real oder via Internet. Sparen! Wir werden uns so manchen Spaß nicht mehr einfach so leisten können und dürfen. Im Verzicht auf Lifestyle-Manierismen (die Gemeinde Ischgl in Tirol wird sich dem Menetekel in Sachen Wintertourismus nie mehr entziehen können) wie vorm Erstkontakt unseres Landes mit dem Virus am Faschingsdienstag liegt in der nun zu Ende gehenden Fastenzeit ein Auftrag an uns alle. Ihn anzunehmen, bedeutet sozialen Wandel.

Nicht nur für die Zeit mit diesem Virus, sondern für danach und weiterhin. Was für eine Chance, von der man ja sagt, dass die Chinesen für sie dasselbe Wort wie für Krise verwenden!

Fotos: Pexels/Free Photo Library

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