Philosophie

Vorbei, vergessen, weiter wie immer

Sie liegen da, die Früchte des Baums der Erkenntnis*, Äpfel. Es ist Herbst geworden. Wir verlassen nun auch nach Kalender den Sommer 2026 und der Blick auf diesen zurück, und zwar im Sinn eines empirischen Erfassens des Geschehenen, also eines Erkennens, scheint im eigentlich notwendig größeren Stil auszubleiben.

Ginge es nicht darum, aus den deutlichen Zeichen (z.B. Hitzewellen, Wassermangel, Trockenheit, Ernteausfälle, Hitzetote) Erkenntnisse abzuleiten und ins Entwerfen von Handlungen zu kommen, um eine (sichere) nächste Wiederholung all dessen mit all dem uns Menschen gegebenen Know-How anders, darin besser zu bewältigen? Symptombekämpfung, wie z.B. ein Einbauen von Klimaanlagen, mag Teil eines ganzen, viel größer zu denkenden Konzepts sein. Aber sehen wir hier auch die Abwärme, den Stromverbrauch? Wir brauchen mehr, das Wort ist in seiner Bedeutung überaus strapaziert, ich verwende es dennoch: Nachhaltigkeit, also kausal klug verbundene Bausteine für Veränderung in unserer Gesellschaft. Mit einer anderen Begrifflichkeit könnte man es auch so nennen: ein neues „stilvolles Regulieren“ (diese Phrase ist geborgt, und zwar von Politökonomin, Transformationsforscherin und Nachhaltigkeitsexpertin Maja Göpel aus ihrem Buch „Werte. Ein Kompass für die Zukunft“, Wien 2025).

Die Devise „Aus den Augen aus dem Sinn“ haben wir gesellschaftlich gut verinnerlicht, sie ist freilich viel bequemer und bereitet einen Weg sehr sicher zum nächsten Stöhnen und Leiden vor. Dann so zu tun, als ob uns das, was sich (gesteigert) wiederholt, überrascht, heißt, sich konsequent selbst zu belügen.

Ich erweitere kurz den Radius meines Erkennens. Auch für anderes wäre Verantwortung zu nehmen, zu tragen, Vorkehrung zu treffen. Meine Perspektive bleibt dabei natürlich subjektiv, auf mein Lebensumfeld beschränkt, punktuell. Wenn ich an den Legionellenausbruch in Linz (Oberösterreich) im Sommer 2026 denke, abgesehen von der Dauer der Laboruntersuchungen zur Bestimmung der jeweiligen Stämme, darin der Zuteilung Infektionsherd zu Erkrankten, sieht man verschleppte und mangelhafte Krisenkommunikation durch die kommunale Politik, als ob aus der Coronapandemie nicht irgendwie etwas gelernt worden wäre. Vom Bürgermeister und dem für Gesundheit zuständigen Stadtrat war öffentlich nicht ein Wort dazu zu hören. Zur Erinnerung: 32 Menschen erkrankten, teilweise schwer, drei sind gestorben.

Ich schaue auch zurück auf unzählige beim Schwimmen in Seen tödlich verunglückte Menschen. Die Meldungen dazu häuften sich schon im frühen Sommer. Ich nahm jede mit Betroffenheit wahr, natürlich aus der eigenen Leidenschaft für diesen Sport, und ich frage auch hier, was jene, die auf die größeren Zusammenhänge zu achten haben, erkennen, stilvoll regulieren, um dieses Sterben im See zu reduzieren (beenden wird es sich leider nie lassen).

Es geht also um den Trägheitsmoment zur Veränderung, oder deutlicher: um das Erstarren aus Angst vor dem zwingend Notwendigen. Wir laufen davon weg, bei erstbester Gelegenheit, die uns die rasante Zeit mit einem aktuelleren Ereignis, uns medial eiligst zugetragen, bietet und die eigentlich anstehende Aufgabe damit übermalt. Nichts ist heutzutage so sprunghaft wie der Aufmerksamkeitsfokus.

In (wörtlich wie übertragen) Sonntagsreden der Politik sind Erkennen und Versprechen noch gegeben, hierzulande leicht schon im Sprachton wahlkämpferisch untermalt. (Landtag und Gemeinderäte sowie Bürgermeisterinnen und -meister werden in einem Jahr, höchstwahrscheinlich am letzten Septembersonntag 2027 gewählt!). Heute vor einer Woche übten sich darin Bundes-, Landes- und Gemeindeebene mit hohen Repräsentanten vor einem Publikum, das jede sinnfällige Veränderung zu unterstützen sicher gewillt ist. Wie jeden Sonntag vor Schuljahrbeginn trifft sich in eben Linz ein Publikum aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung, um dem Internationalen Brucknerfest durch Feierstunde seinen Auftakt zu geben.

Ich hörte Ansagen und fragte mich angesichts derer des Bürgermeisters, wie es ihm mit der von „Baume pflanzen“ (gegen Klimawandel) wohl ergeht, Gewissen und so, wenn gerade gegenwärtig in der Stadt das Versiegeln vieler Flächen für Autobahn- und Hochhausbau sehr eifrig betrieben wird. Der spärlichst begrünte Hauptplatz zählt im Sommer zu den heißesten Orten des Landes.

Ich hörte den Landeshauptmann über Zukunftsperspektiven des Veränderns wegen Klimakrise und erinnerte mich an die wenige Tage junge Information, dass das Land Oberösterreich den vormals städtischen Anteil an der Betriebsgesellschaft des Flughafens übernimmt, ein Flughafen, dessen zivile Nutzung in Personen- und Frachttransport gegen Null tendiert. Welchen Sinn macht dieser Erhalt unter dem Aspekt klimabewusster Zukunftsorientierung?

Ich hörte Warnungen zur „künstlichen Intelligenz“, aus dem Mund der Festrednerin Maja Haderlap in Richtung einer dringenden Korrektur des Mensch-Maschine-Verhältnisses formuliert, zuvor auch durch den Landeshauptmann angesprochen. Er will hier Kontrolle von der EU-Ebene gestaltet wissen, versah dies aber zugleich mit der Warnung, in der Zielsetzung „nicht wieder den europäischen Fehler der letzten Jahre zu begehen, (…) möglichst viel zu reglementieren und dann auch mit großer Lust Verbote zu schaffen, die wir mit einer zur Exzellenz gebrachten Akribie ständig kontrollieren und uns am Ende einbremsen“. Da trifft er den neuralgischen Punkt von Europa als Kontinent und in der politischen Prägung durch die Union-Organisation. Ich vertrete schon seit längerem, dass es der Europäischen Union an einem starken Narrativ für den Kontinent in seiner Positionierung in der neuen Weltordnung fehlt. (So bürokratische Monstren wie z.B. die neue Verpackungsverordnung sind keine vorteilhaften Beiträge zur Tilgung dieses Mankos, sondern eher dem Prinzip „weiter wie immer“ verpflichtet.)

So ein Sonntag also ist einer von vielen Tagen, an denen vieles gesagt und veröffentlicht werden kann. Er ging vorbei, lässt ins Vergessen sinken, was Worte waren, nicht Tat wird. Äpfel der Erkenntnis, erntereif fallen sie von den Bäumen, werden zusammengetragen und zur Entsorgung abgelegt. Wir wissen auch, nicht nur wenn man dort steht und das Beitragsbild fotografiert: Die liegen gebliebenen Äpfel wie die Erkenntnisse faulen, sie gären, und wir wenden uns ab, denn der saure Geruch steigt uns bissig in die Nase.

*) Kleine Klarstellung zu „Baum der Erkenntnis“: Ich verstehe ihn und verwende die Formulierung mehr nach Ansatz von Humberto Maturana und Francisco Varela (statt biblisch; und, ja, dennoch Äpfel!).

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