Der Haus-, pardon: Schlosssegen hängt schief wie die Krone auf dem Haupt von Claudius, der mit der ihm eben angetrauten Gertrude aus der Kapelle heraus auftritt. Sie laufen auf den Mittelpunkt des Platzes von Schloss Kronborg zu. Unbeschwertes junges Eheglück beflügelt ihre Schritte. Dort hat eine Spielansagerin uns als Publikum organisiert, aufgewärmt, es jubelt nun. Wir applaudieren einer fatalen Hochzeit, nur eine der vielen „affairs“ dieses Dramas von Welt, hier nun zu Hause bei Hamlet, auf der nordöstlichsten Halbinsel von Seeland in Dänemark, in Helsingør.
Schloss Kronborg, das hier steht, hat baulich mittelalterliche Fundamente, der dänische König Frederik II. ließ es Ende des 16. Jahrhunderts im Stil der nordischen Renaissance ausbauen. Ursprünglich galt es als Bastion der Kontrolle der in den Öresund einlenkenden Schifffahrt. Sundzoll wurde kassiert, ausschließlich von nicht-dänischen Schiffen natürlich (Anmerkung: Es gibt so Muster in der Geschichte, die verlieren sich nie)! Es beherbergt in den Kasematten die Figur von Holger Danske, der dort schläft, bis zu einem Tag, an dem Dänemarks Freiheit bedroht wird, und er aufwachen und gegen diese Gefahr vorgehen werde.
In Sichtweite gegenüber liegt Helsingborg (Schweden) und ich fand bei meiner Recherche Pläne, dass auch diese Meerenge irgendwann einmal durch eine Brücke verbunden werden soll. Einstweilen verkehren in sichtbar hohem Takt Fähren zwischen den vier Kilometer auseinanderliegenden Städten.
Kronborg wäre eine historische Anlage wie viele andere, wäre da nicht der Marketing-Coup aus der Weltliteratur, weil William Shakespeare, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein, als Ausgangspunkt seines „Hamlet“ eben dieses Schloss erwählte. „Davon leben wir und können darum die Anlage erhalten“, macht ein Guide in seiner Ausführung zu seiner Gruppe vor einem kleinen Gedenkrelief für den Dichter an der Schlossmauer kein Hehl daraus, dass die – sagen wir einmal – „Kronborgzölle“, die die Besucherschar als Eintrittsgeld bringt, falscher Faktenlage und somit nur dem bedingungslosen Glauben an Fiktion geschuldet sind. Hier wohnte für uns alle Hamlet, obwohl das nur der Fantasie des weltbesten Dramatikers entsprungen ist. Genau deswegen wurde Kronborg auch Pflichttermin unserer Dänemarkreise. (Einige Tage nach unserem Urlaub lese ich die Geschichte von der notwendigen Verlegung eines Kabels durchs Meer, weil an der Stelle, an der es zu liegen kommt, die fiktive Grabstätte der Figur Dobby aus den Harry-Potter-Abenteuern angenommen wird und die Fans sich dagegen verwehren, dass Dobbys letzte Ruhe durch ein Unterwasserkabel belastet wird: Ich mag das, wenn Traumwelten der Literatur Druck auf die reale Gegenwart machen!)
Damit Hamlets Heim doch ein wenig die Aura von Intrige, Komplott, Leben und Tod des Dramas fühlen lässt, arbeitet sich eine Gruppe junger Schauspielerinnen und Schauspieler nach einem exakten Zeitplan in improvisierten Kurzausschnitten aus Shakespeares Werk durch den Hof, die Kapelle, den großen Saal von Schloss Kronborg. Wir sehen am „Courtyard“ die Hochzeit des Königbruders und -mörders mit der (vormals) Schwägerin und büßen unseren Feierjubel und Applaus, zu dem wir heftig angehalten worden sind (die Spielansagerin!), in der Beschimpfung des hier noch nicht melancholisch verträumten, sondern zürnenden Hamlet. Der Mann ist heiß, ihm ist heiß, sein Haar verschwitzt. Ob er schon historisch (bei Shakespeare?) den silbern funkelnden Ohrstecker (in Österreich nennen wir so etwas charmant „Flinserl“) trug, hält unsere Traumwelt genauso aus wie, dass die vazierende Gruppe den akkubetriebenen Verstärker auf den Platz schleppt. Daraus tönen, vom Smartphone Ophelias angesteuert, die Glocken und das instrumentale Intro von „Hells Bells“ von AC/DC. Ja, natürlich läuten dem Schicksal von königlicher Familie und Staat Dänemark, in dem etwas faul ist, höllische Glocken. Der Bub bleibt ja zu Hause, kehrt nicht zurück nach Wittenberg zum Studium. Noch freut das Claudius und Gertrude. Das Familienfoto wird gestellt, natürlich auch für die vielen Kameralinsen der Mobiltelefone von uns Touristen. Mit dem Verweis auf weitere szenische Häppchen frei nach Shakespeare löst sich die Straßentheaterszene am Courtyard auf.
Noch freier können sich darstellende Kunstschaffende draußen im Außenring um Schloss Kronborg ihren Hamletinterpretationen widmen. Mit einer schönen großen Schmiedearbeit, die den Rost als Oberflächengestaltung wählte, wurde der Schriftzug „Hamletscenen“ in eine Wiese gestellt. Hier darf frei der Vorlage gehuldigt werden. Wir sehen da den Schluss einer clownesken Königsmordinterpretation, so ganz im Stil der großartigen Pantomimenschule von Lecoq in Paris. Der Schauspieler hat sich als Requisiten einen motorisierten Rasenmäher und einen, der nur durch Anschieben sein Mähwerk in Bewegung bringt, mitgebracht. Letzterer, untergeordnet, hat sich schon am Leben der besseren Rasenmähmaschine vergriffen. Der Assistent, also Mittäter, unser Pantomime, entzieht sich gerade Unschuld heuchelnd dem Tatort. Verschmitzt und leise, es geht auch so. Das hamletkundige Publikum sparte auch dafür nicht mit Applaus.
Foto: Schloss Kronborg in Helsingør/Dänemark, 4. August 2026
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Kategorien:Das ist Sommer!, Literatur, Theater
