„Imago Dei“, das Festival zu Ostern in Krems an der Donau (Niederösterreich), gab am vergangenen Sonntag mit der Minoritenkirche der Uraufführung eines „musikalischen Szenarios“ ihren Ort. (Wie ich dazu komme, meinen Sonntagabend dort zu verbringen, entschlüsselt sich allen, die mich persönlich kennen, sogleich.)
In Krems also, wo seit 1999 dieses Festival Heimat und ein interessiertes, im Zuhören geschultes Publikum findet, realisierten Musiker erstmals Wolfgang Sausengs Komposition „Frühling. Leeres Land.“. Das Libretto verfasste Elisabeth Vera Rathenböck, eine Autorin aus Linz, ausgehend von Ingeborg Bachmanns Erzählung „Die Karawane und die Auferstehung“. Dieser 1949 geschriebene Text, von der Schauspielstudierenden Tara Michelsen nach dem Einführungsgespräch und als Prolog zur Uraufführung in behut- wie empfindsamer Durchwanderung der Satzkaskaden vorgetragen, bringt Figuren in eine Wüste. Es geht um eine große Metapher zu Tod und Auferstehung. Sehr zentral in Sausengs „musikalischem Szenario“ wirken die Stimmen des Chors, konkret des „Chorus sine nomine“; von diesem ging auch der Auftrag an den Komponisten zum Werk aus. Der Chor erzählt, er schafft Aura. Ein wenig gibt es Soli aus ihm, fallweise schlagen Frauen und Männer des Chors Handglocken an.
Sauseng wählte als Instrumente das Klavier (Györgi Handl) als fast klassischen Begleiter, gleichsam als „sechste Figur“ zu den Solistenstimmen, unerwartet vielleicht einen Kontrabass (Tommaso Huber) als brummigen Kommentator und Schrittzähler der Karawane, das Mobilis Saxophonquartett in der Verantwortung fürs Cinemascope, von schriller Sirenenhaftigkeit bis zur verspielten Erinnerung an ein bekanntes Motiv aus einem Film („Schindlers Liste“?), ganz kurz nur, aber so passend. Wie alles: Wir hören Atonalität als Dramatik und musikalische Formen aus dem reichen schöpferischen Können eines (emeritierten) Kompositionslehrers, der (sich) hier beweist: Kein bekannter Gattungsbegriff könnte dafür stehen, die Vielfalt im Gesamten ist wohl in der Begrifflichkeit des „musikalischen Szenarios“ am besten eingefangen. Unbedingt festhalten muss ich noch die gezielt feinen Akzente aus der dicht befüllten Schlagwerkecke (Igor Gross), die will ich auf gar keinen Fall vermissen.
Die Solistenbesetzung, fünf sind es in „Frühling. Leeres Land.“, wählte für die Umsetzung interessante Verschiebungen der Stimmlagen für zwei Figuren; das Mädchen zum Countertenor/Altus (Bernhard Landauer), den Knaben zum Sopran (Katharina Linhard). Alter Mann (Bariton/Korbinian Schlag), die alte Frau (Mezzosopran/Johanna Zachhuber) und der Invalide (Tenor/Sebastian Taschner) entsprechen in Rolle und Zuordnung zur Stimmlage den Hörerwartungen. Diese Gruppe, also die Karawane bei Bachmann wie bei Rathenböck, ergeht sich in Gefolge des alten Manns, der gestorben ist, die Wüste, das „leere Land“. Es kennt keine Spuren, keine Schatten, nur Farben, die die Kunst nicht als Farben anerkennt, „weiß wie Asche“ oder „schwarzer Schnee“. Es ist Frühling, als der Mann starb. Zuerst allein in der Wüste schließen die anderen zu ihm auf. Der Knabe erlöst.
Dieses Durchstreifen der Dystopie als ein Zeichen von Überwinden des Tristen, eines in Musik ausgedrückten Bildrauschens von Raumempfindung lässt sich als Auferstehung ausdeuten, weniger religiös („Gott war tot“, heißt es im Libretto), mehr der Natur angepasst dann eben als Frühling, die Rückkehr des Lichts, der Farben, des Lebens. Musik und Sprache finden in „Frühling. Leeres Land.“ für einen gewiss alles andere als leichten Ausgangsstoff gediegen zueinander.
Bei Johannes Hiemetsberger liegt die Gesamtleitung dieser Aufführung. Der Österreichische Rundfunk war mit einem fahrbaren Studio und Aufnahmeequipment vor Ort und ich konnte den Festivalleiter Albert Hosp fragen und erfahren, dass das Radioprogramm Ö1 rund um die 100. Wiederkehr des Geburtstags von Ingeborg Bachmann einen Programmschwerpunkt plant, darin auch geht die Aufzeichnung dann über den Sender, Ende Juni 2026.
Und: Im Rahmen des diesjährigen Brucknerfests wird „Frühling. Leeres Land.“ am 27. September 2026 neuerlich aufgeführt. Der mittlere Saal des Brucknerhauses Linz zeigt sich (online) dahingehend schon gut gebucht, sehr erfreulich!
Die Uraufführung gleich nach Frühlingsbeginn erlaubt heute, am Palmsonntagabend, hier diesen blog-post einzurücken. Thema und Werk wollen und müssen sich über die Osterfeiertage die Prominenz des jüngst erschienenen Texts im Blog erhalten. Will heißen: Ich mache nächsten Sonntag Pause. Neues kommt dann wieder am 12. April 2026.
Foto: Krems, Minoritenkirche, 22. März 2026 – in Erwartung der Uraufführung von „Frühling. Leeres Land.“
