Politik

Sieger sehen anders aus

Eigentlich wollte ich in dieser Woche hier nur in ein paar Zeilen über die sprachlichen Sieger des Jahres 2021 reflektieren. Denn wie immer zu dieser Jahreszeit wird veröffentlicht, was in Österreich zum Wort, zum Unwort, zum Jugendwort („cringe“), zum Spruch und zum Unspruch des Jahres gewählt wird. Im Spiegel der zeitbezogenen Lexik liest man zumeist alles, was Österreich gerade bewegt (hat). 2021 ist da kaum anders. Außer: Die Sieger wurden am Tag ihres demokratisch gewählten Triumphs (Online-Voting) von ihren Podesten gestürzt, weil sich aktuelle Ereignisse überschlugen. Gestern noch war frühmorgens der „Schattenkanzler“ als Wort des Jahres präsentiert worden, gemeint damit, dass der im Oktober zur Seite getretene Sebastian Kurz hinter Alexander Schallenberg gut präsent geblieben wäre. Auch als Schatten, der über der Regierung liege (Jurybegründung). Schon zu Mittag begann sich diese Frage, wer im Licht steht und wer dahinter ein schwarzes Bild an die Wand wirft, aufzulösen. Denn der „Seiten-Treter“ erklärte sich in seinen Rückzugsstrategien. Sein interimistischer Nachfolger Schallenberg stellte das Amt sodann zur Verfügung.

Tags zuvor, also vorgestern marschierten „Querdenker“ (Unwort des Jahres, weil dieses eine Bedeutungswende von durchaus achtbaren Hinterfragenden hin zu Anhängern seltsamer Theorien vollzogen hat) in den Städten in ihren Demonstrationen auf, die sie – Achtung! Wortverdrehung des Jahres, außerhalb des offiziellen Bewerbs! – „Warnstreik“ nannten. Auch wirklich gar nichts, was eine Arbeitnehmervertretung mit einem Warnstreik zu artikulieren versteht, trug sich da am 1. Dezember in Österreichs Städten zu.

Zum Spruch des Jahres wurde die Aussage des einstigen Politikers Matthias Strolz aus einer Fernsehdiskussionsendung gekürt: „Eli, es ist vorbei!“, eine Vorwegnahme der Ereignisse am Tag der Zuerkennung des Jahrespokals Kategorie „Spruch“. Denn am Abend waren es zwei, tags darauf noch ein weiteres Regierungsmitglied, mitgerissen in der Seilschaft des abgesprungenen Jungvaters. „Eli“ (gemeint Tourismusministeriu Elisabeth Köstinger) behielt ihr Amt, auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Beide Positionen wurden aber zumindest gestern Abend in ihrer Besetzung diskutiert. So wie sich die Ereignisse aber in diesen Tagen überstürzen, bleibt höchst dynamisch, was gerade „state of government“ in Österreich ist.

Zum Unspruch des Jahres wurde ein aus Chatprotokollen gehobener Fragesatz des jüngsten Altbundeskanzlers der Republik aus dem Jahr 2017: „Bitte. Kann ich ein Bundesland aufhetzen?“ In der Begründung der Jury heißt es dazu, dass damit die Absicht verbunden war, den politischen Vorgänger schlecht aussehen zu lassen. Am Tag der Auszeichnung dieser sprachlichen Legende vollzieht sich das Ausgesprochene auf der Ebene der Führung des Landes nicht als ein Aufhetzen, aber doch als eine veritable Turbulenz, irgendwie nicht gerade gut brauchbar in einer Zeit, in der es in Österreich gilt, mittels Lockdown die vierte kräftige Welle der Corona-Pandemie zu brechen, Vorbereitungen zu treffen, wie mit der vor einer Woche definierten Omikron-Virusvariante umgegangen werden soll und einen stabil geführten Prozess vom Gesetzesentwurf durch die Begutachtung bis zum Inkrafttreten der allgemeinen Impfpflicht gegen Covid ab 1. Februar 2022 zu gestalten. Draußen auf den Straßen kristallisiert sich die Spaltung des Landes vorerst noch in sprachlicher Aggression. Ist es darum gut, dass der im Pandemiemanagement stets seinen Mann stehende Innenminister nun ausgetauscht wird? Verträgt die äußerst angespannte Lage den Wechsel an der zuständigen politischen Spitzenposition?

Oder liegt der Schachzug sogar darin, dass der Innenminister zum Bundeskanzler aufsteigt? Vielleicht sollte man doch auch ins Treffen führen, dass mit Karl Nehammer ein Mann an die Regierungsspitze kommt, der durch Berufssoldatentum und Studium der politischen Kommunikation Kompetenzen mitbringt, die dem Land nach dem Stil des Verängstigens bis Eine-Pandemie-zu-Ende-Sprechens (Sebastian Kurz), der diplomatischen Reflexion und Direktive (Alexander Schallenberg) eine neue, erfolgsversprechende Richtung geben kann. Möge es ihm gelingen!

Foto: Pexels/Free Photo Library

1 reply »

  1. Länder-Comeback als „Gegenreformation“ in der ÖVP zu bezeichnen, Schlagzeile ORF News online (ckör), das ist aber auch stark (verzerrend)! Der naheliegende Umkehrschluss, Türkis mit der Reformation zu vergleichen, tut mir als Evangelischer schon weh.

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