Literatur

Ein Hund lebt so lange wie seine Zähne

Am 12. Dezember 2020 starb John le Carré, jener bewundernswerte britische Schriftsteller, der aus eigener Berufserfahrung heraus einem Genre den Schliff gab, dem Spionage-Roman. Mit der Nachricht von seinem Tod fasste ich die Idee, jenen Roman wieder lesen zu wollen, den ich (wohl wie viele) wie keinen anderen mit seinem Namen verbinde: „Der Spion, der aus der Kälte kam“.

Wohl sollte das Buch in den reichlich mit nostalgischem Lesestoff gefüllten Buchregalen meiner Eltern, darunter alles von Konsalik und Simmel, verfügbar sein, war es aber nicht. Zum Zeitpunkt von John le Carrés Abgang von dieser Welt hielt der Buchhandel außer schwierig zu greifenden, beschädigten Restexemplaren im modernen Antiquariat keine Auflagen seiner Literatur bereit. Dann aber versorgte uns Ullstein mit Taschenbuchausgaben „aller George-Smiley-Romane in Sonderausstattung“. In diesem Fall im Bücherkaufhaus, wo ich Lesefutter à la le Carré gerne kaufe (man ist so herrlich anonym und beschämt den eigenen Intellektualitätsanspruch vorm Buchhändler seines wirklichen Vertrauens nicht), brachten die gestapelten Paperbacks die Tische nicht nur zum Biegen. Ich fand das Display mit dem Satz „John le Carré – In seinen Geschichten wird er weiterleben“ denn doch etwas pathetisch. Aber ich kaufte. Und ich las (wieder).

Können mich Story und Figuren des 1963 ersterschienenen Romans „Der Spion, der aus der Kälte kam“ auch in einer Zeit lange jenseits dessen, was man im Europa nach der Teilung den „Kalten Krieg“ nannte, noch fesseln? Ja, und wie!

Der Entwicklungsroman um Protagonisten Alec Leamas, dieser verkrachten Existenz eines Spions, der zwischen den Seiten operativ eingesetzt wird, berührt in meiner Generation – ich war 22 Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel – natürlich die Erinnerungen an die Spaltung zwischen Westen und Osten, Kapitalismus und Kommunismus. Der Schauplatz Berlin, lange Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung immer noch Spurenzeichner der Teilung, bleibt im Historischen der ewig faszinierende Schauplatz für die Reflexion gesellschaftlicher Kontrollsysteme. Das Personal des Romans, seine Dialogsprache, Reisebewegungen, Zigaretten, die geraucht werden, Neigungen, Aversionen, Strategien: Auch heute, bald sechzig Jahre nach Veröffentlichung, bleibt der Roman in der deutschen Übersetzung von Sabine Roth page-turner, wie das so schön heißt, eine Eigenschaft für Belletristik, deutlich jüngeren Datums und heute Maßeinheit für erfüllte Spannungserwartung einer mit Thrillerware in Buch und Film nicht zu wenig gefütterten Rezipientenschar.

Das liegt mit Sicherheit auch im Schreibstil, mit dem le Carré – selbst der deutschen Sprache vorzüglich mächtig, den „Spion aus der Kälte“ schrieb er allerdings in Englisch – Schlüsselaussagen schon in frühe Seiten zu verpacken verstanden hat. Die Übersetzerin konnte diese behutsam ins Deutsche transferieren. Eine solche für die gesamte Handlung steht da schon auf Seite 22:

Er sah dem Scheitern ins Auge, wie er eines Tages vermutlich auch dem Tode ins Auge sehen würde, mit zynischem Unmut und der Courage des Einzelgängers. Er hatte länger durchgehalten als die meisten, nun war er geschlagen. Ein Hund lebt so lange wie seine Zähne, heißt es. Leamas hatte sich die seinen jetzt ausgebissen und es war Mundt, an dem er sie ausgebissen hatte.

Wer den Roman gelesen hat oder vielleicht jetzt noch lesen wird, versteht den Fingerzeig bzw. wird ihn verstehen. Es geht halt gerade im Bereich von Unterhaltungsromanen wirklich nichts über perfektes schriftstellerisches Handwerk. John le Carré beherrschte es.

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