Klima

Island – jetzt taut´s

Der Appell unseres slowakischen Guides Marek, unter dessen Anleitung wir den Gletschersee mit Kajaks erkundigt haben, ist unmissverständlich. Er zeigt uns an den Abhängen seitlich des Sees, was ein halbes Grad Erwärmung im vergangenen Jahrhundert an deutlich sichtbaren Spuren an der Gletscherlagune Heinabergslón hinterlassen hat, wie hoch das Eis einst stand.

Was wird die durch unsere Leichtfertigkeiten befeuerte steigende Erwärmung anrichten? Zwölf Jahre gibt Marek dem Heinabergsjökull noch. Er ist eine Zunge von vielen, die Europas größter Gletscher, der Vatnajökull (übersetzt: Wassergletscher), Richtung Küste streckt. Wie alle seine Kollegen ist er auf Rückzug ausgerichtet. Mit dem Okjökull hat in Island erstmals ein Gletscher seinen Definitionsstatus verloren. Für ihn hat man eine Gedenktafel errichtet, auf ihr findet sich ein „Brief an die Zukunft“, darin der deutliche Satz: „Wir wissen, was geschieht und was zu tun ist. Nur ihr werdet wissen, ob wir es getan haben.“

Zwölf Tage Island, dabei nur einmal zwei Stunden Regen bei einer Wanderung und einmal abends pfeifender Sturm und prasselnder Regenschauer rund um bzw. auf unsere Hütte im Hochland: ansonsten meldeten die Wetterdaten zwar offiziell Tageshöchstwerte bis zu 15 Grad, Untertreibungen, hielt der kühle Wind inne, schälte man sich rasch aus der zwiebelähnlichen Bekleidungsschichtung, T-Shirt genügte bei Temperaturen deutlich über der 20-Grad-Schwelle. Es musste Ende Juli und Anfang August so etwas wie eine isländische Hitzewelle gewesen sein. Auf dem Vikisjökull, den wir unter Anleitung von Till, einem deutschen Biologen mit Forschungsschwerpunkt Geomorphologie, erkundeten, schlängelten sich schon am Vormittag über den Gletscher Schmelzwasserbäche, rauschten wasserreich in Richtung Tal und sahen nach modellhaften Darstellungen von Wasserrutschen aus.

Die Klimaerwärmung, die nur dumme Revisionisten nicht erkennen wollen, drückt sich vielfältig aus und im geologisch jüngsten Land der Welt, in Island, wo sich nordamerikanische und eurasische Platte Stoß an Stoß treffen, wird sie drastische Folgen nach sich ziehen. Im Perlan Museum in Reykjavik geht man durch eine künstlich angelegte „Ice Cave“. Im Einführungsvideo zu diesem Erlebnis wird die Utopie in Worte gefasst, dass die museale Form möglicherweise als einzige Eishöhle Islands übrig bleiben könnte. Das Museum, ein in Sachen Vermittlung mittels Simulationstechnologie top entwickelter Studienort für Menschen aller Altersstufen, lässt an einem digitalen Modell des Vatnajökull in Zehn-Jahres-Stufen seine Veränderung samt Auswirkungen erkunden. Das Erschreckende: 2200, in nur 180 Jahren, in geologischer Zeitrechnung also nicht mehr als ein Wimpernschlag, ist er weg. 8100 Quadratkilometer Erstreckung, 3000 Kubikkilometer Eis. Das macht auch Gewicht aus; ist dieses verloren, wird sich die eurasische Platte, auf der der Plateaugletscher liegt, um 200 Meter heben. Und: vulkanische Aktivitäten, die bisher unterm Eis geschahen, werden über die neue geologische Dynamik hinaus ihre Wirksamkeit entfalten. Und Island verändern. Da reden wir vom gestiegenen Meeresspiegel, der – Aufzählung ohne Vollständigkeitsanspruch – Jütland, die Region um Stockholm, weite Küstenstrecken in Irland, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und die Niederlande sowieso unter Wasser legt, nur als Nebenerscheinung.

Es muss etwas geschehen, wir müssen es tun. Woran werdet ihr wirklich erkennen, dass wir es getan haben?

Foto: Vikisjökull am 1.8.2019, zu Beginn der Gletscherwanderung, das Schwarze ist Gestein bzw. Asche im Eis.

 

 

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