Kulturpolitik

Besuch bei Aphrodite

Aphrodite wohnt nun temporär im sogenannten „Linzer Zimmer“ des NORDICO Stadtmuseum in Linz (Oberösterreich). Der Schauraum im Erdgeschoß, gleich rechts nach dem Eingang, sobald man den Einstieg ins Treppenhaus durchquert hat, zeigt ein sparsames Interieur. Aphrodite blickt nach rechts, an der linken Wand, von der sie also ihren Blick abwendet, wurde ihr Zuhause bis 2008 dokumentiert, der Bauernbergpark, konkret in ihm der kleine Rundtempel. Wegen der Kombination von Villengärten, Rondeaus und dem Jugendstil seiner Prägung wurde der Park 2004 unter Denkmalschutz gestellt. Vor fast genau zehn Jahren zeigte der Linzer Kunststudent Alexander Jöchl im Rahmen des Projekts „Hohlräume der Geschichte“ seiner Meisterklasse (Leitung: Renate Herter) Aphrodites Provenienz auf. Sie, ein Bronzeguss des mecklenburgischen Bildhauers und NSDAP-Mitglieds Wilhelm Wandschneider (1866-1942), wurde 1940 gefertigt und von Hitler der Stadt Linz geschenkt, ihre Aufstellung erfolgte wahrscheinlich (wissenschaftlich noch nicht exakt gesichert) im Frühjahr 1942 nach Führerwillen „formlos“. Jöchl machte sie darum im Mai 2008 auch so, er verpackte Aphrodite in eine Transportbox aus Holz und initiierte damit eine breitere öffentliche Diskussion zum Umgang mit NS-Spuren im Stadtbild.

Auf Entscheidung des Linzer Bürgermeisters übersiedelte Aphrodite im Juli 2008 ins Depot des Stadtmuseums. Dem Landeskonservator missfiel dies, er erkannte einen Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz und in Aphrodite „nicht […] ein Zeugnis der NS-Kunst, sondern […] einen 1940 erfolgten Zweitguss, basierend auf älteren Modellen des Bildhauers (1907)“ (zit. nach „Aphrodite – Eine Bestandsaufnahme“ von Andrea Bina und Martin Krenn, in: „Stadtoasen. Linzer Gärten, Plätze und Parks“, Böhlau Verlag 2018, S. 261). Dazu hat Aphrodite in ihrem neuen „Wohnzimmer“ auch kunsthistorische Erklärungen an einer Wand. Entartete Kunst ist klar definierbar, NS-Kunst aber? Fällt sofort jeder Klassizismus darunter, weil dieser dem Führer gefiel? Das in der Parteimitgliedschaft dokumentierte ideologische Bekenntnis ihres Schöpfers haftet der schwarzen Göttin der Liebe, Schönheit und Begierde natürlich an.

In Post-its finden sich Meinungen der Öffentlichkeit aus Leserbriefen zu ihrer Delogierung aus dem kleinen Säulentempel am Bauernberg affichiert. Dieser Informationstransfer erscheint im Linzer Zimmer wie eine Untersuchungsanordnung eines „cold case“. Da stoßen sich Bürger an der Entfernung, denn städtebauliche Spuren wie etwa die beiden Brückenkopfgebäude am Hauptplatz oder die Nibelungenbrücke bleiben. Es geht nicht ums Prinzip „Aus den Augen aus dem Sinn“, dieses wäre gefährlich. Darum braucht es eine sich an historischen Fakten ausrichtende Erzählung, die Transparenz und Aufklärung schafft. Das ist ein Auftrag für jedes städtische Gesellschaftssystem, das durch totalitäre Zeiten gegangen ist. Aphrodites vorerst (bis 24. Februar 2019) temporärer Aufenthalt im Linzer Zimmer ist in seiner Stille und Klarheit ein kräftiger Beitrag dazu.

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