Mobilität

Ein autofreier Tag, warum nicht?

Zuletzt war hier an dieser Stelle ja der Nachdenkprozess der Bevölkerung zu Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung gegen steigende Spritpreise skizziert. Vorgestern hieß es von E-Control, Österreichs Energieregulierungsbehörde, die Spritpreisbremse wirke, minus 10,5 Cent im Gesamtschnitt bei Diesel, minus 18 bei Benzin. Da bleibt allerdings unberücksichtigt, dass der (zumindest einmal kurzfristige) Entspannungsmoment von Waffenruhe einen Teileffekt des Tupfens aufs Spritpreisbremspedal ausmacht.

Die Senkung der Gewinnmarge im Produkt selbst trifft den Markt, also den Verkäufer. Er wird sich einen anderen, konstant ertragreichen Absatzmarkt suchen. Ich glaube daran, dass die Meldung vom 1. April 2026 (gefährliches Datum für Wahrheiten) in derstandard.at verifiziert worden ist, wonach ein Tanker voll Diesel auf der Fahrt über den Atlantik wegen besseren Preises den Kurs von Europa auf Südafrika änderte. Zur kriegerischen Handlung wider Völkerrecht durch die Vereinigten Staaten und Israel gegen den Iran und den für Strategen ja doch wohl sehr absehbaren Joker des Iran, die Straße von Hormus zu sperren, setzt nun zusätzlich ein Verteilungskrieg ein.

Dagegen, auch gegen die Preistreiberei, wäre schon ein Kraut gewachsen. So ließ Walter Boltz, ehemaliger Chef der E-Control, aufhorchen: Würde Europa (!) zehn bis 15 Prozent Sprit sparen, beispielsweise durch Geschwindigkeitsbeschränkungen im Straßenverkehr, so würde dies die Ölmultis ein bisschen in die Knie zwingen. Sinkende Nachfrage lässt den Preis fallen, denn er versucht dadurch, zum Kauf des Produkts zu animieren. (In Erinnerung: Zu Corona-Pandemiezeiten zahlte ich zum Beispiel am 4. Mai 2020 pro Liter Super 0,929 Euro, null Nachfrage, Preis im Keller!)

Ich bin alt genug, eine Kindheitserinnerung herauskramen zu können. Ich musste recherchieren, um den Umsetzungszeitraum zu bestimmen. Jänner 1974: Der damalige österreichische (legendäre) Handelsminister Josef „Pepi“ Staribacher hieß die Autobesitzer der Republik einen Tag aufs Gefährt verzichten, Grund: Ölkrise. Jeder Fahrzeughalter musste einen autofreien Tag definieren. In die Windschutzscheibe war ein Papierquadrat mit der Wochentagsabkürzung zu kleben, das sogenannte „Pepi-Pickerl“; die Vordrucke – so erinnert sich mein damals kurz vorm siebenten Geburtstag stehendes Ich in der Kopfzeitreise zurück – entnahm man seiner Tageszeitung. Mein Vater entschied sich für den Sonntag, er hatte keine Alternative, da er berufstätig den Familienwagen brauchte, als Handelsreisender. Am „SO“ blieb der VW-Käfer stehen.

Die Regel würde freilich einiges bringen, nicht allein in Österreich, sagen wir mal, die Europäische Union zieht das durch (ein guter Witz, ich weiß; all die Meldungen vom geschätzten dänischen EU-Kommissar für Energie erscheinen, als würde er zwei Wochen hinter unserer Gegenwart leben!).

In meiner Erinnerung überlappte sich die Maßnahme, die meinen Recherchen zufolge nur fünf Wochen galt, mit einer Freizeitpraxis meiner Familie, der sonntäglichen Wanderung. Hier pflegten wir uns eine Zeitlang den Gebrauch öffentlicher Verkehrsmittel, um aus der Stadt Linz (Oberösterreich) ins Umland, zumeist des Mühlviertels zu fahren und vor dort zu Fuß in die Stadt zurückzuwandern. Meine Mutter (die Zeitgeschichtsschreibung unserer Familie in Person!) entkoppelte diese Praxis vom autofreien Tag. Wir praktizierten dies erst Jahre später. Aber beides würde gut zusammenpassen.

Wie auch Handlungsweisen, die wir vor fünf Jahren erlernt haben und uns mit den Erfahrungen darin bestärkend auf die Schultern klopften: Home Office. Was bei der Pandemie gut war, ja, zuerst natürlich Mühe machte, bilanzierten wir danach doch gerne als treffsichere Maßnahme für jeden weiteren, anderen Krisenfall, denn die Bevölkerung wäre nun ja darin geübt.

Wäre es nicht so weit? Home Office als unterstützender Faktor des Spritsparens?

Ich weiß, alle drei Ideen rühren wiederum am heutigen Begriff von Freiheit, wie ihn sich Menschen in ihrer Individualisierung bzw. ihrem Egoismus im globalen Norden deuten. (Der Süden lebt Temporeduktion und Home Office bereits wieder.) Solange eine Unabhängigkeit des Drucks aufs Gaspedal (gern auch über geltende Höchstgeschwindigkeitsgrenzen) oder des allzeitlichen Verfügens über den eigenen Fahruntersatz oder vom Heim als Arbeitsplatz höher bewertet werden als das, was uns Energie- und in Folge Transportkosten für Waren und Güter aus der Tasche ziehen, ist die Idee, dass die Masse Macht entwickeln könne, nicht mehr als eine schön schillernde Seifenblase. Die zerplatzt.

Foto: Pexels/Free Photo Library – Der VW-Käfer meines Vaters war zwar beige, das Stockphoto lässt uns das legendäre Kotflügeldesign bewundern.

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