Politik

Wer hat an der Uhr gedreht?

Finster sind diese mitteleuropäischen Morgen Mitte Oktober. Sie geben darum den deutlichen Hinweis, das ansteht, was wir am nächsten Wochenende vollziehen werden. In der Nacht auf Sonntag wird wieder an den Uhren gedreht. Wir bekommen eine Stunde zurück, wie das im Volksmund heißt. Nur die Messung unserer Zeit (sie selbst ist und bleibt ein Kontinuum) wird wieder an jenes System angepasst, das als mitteleuropäische Zeitzone standardisiert ist.

Es kann sein, dass dies letztmalig so passiert.

Teil meiner Zeitumstellung im Herbst, auch in Zukunft hoffentlich ganz ohne EU-Reglement: von den Sommerlaufschuhen (links) auf die Winterlaufschuhe (rechts)

Die jährliche Zeitumstellung wurde im Sommer 2018 Gegenstand einer Meinungsbefragung der europäischen Bevölkerung. Die EU gab sich damit volksselig und erntete ein Ergebnis im Ausmaß von 4,6 Millionen Beteiligung, das ist nicht einmal ein Prozent aller EU-Europäer, darunter sollen drei Millionen Stimmen allein aus Deutschland gewesen sein. Repräsentativ geht also anders. Dennoch begann die EU-Führungsebene, sich eifrig zu bewegen, aus welchen Motiven auch immer. Viel Ernst im transnationalen Regelsinn kann nur nicht darin gesteckt haben, als die Kommissärin für Verkehr die Tür zur nationalstaatlich bestimmten Lösung öffnete. Ja, jedes Mitgliedsland soll sehr bald, gemeint schon 2019, selbst bestimmen können, wie es mit der Zeitregelung umgeht, Verbleib im Wechsel Ende März und Ende Oktober, Festhalten an der Sommerzeit, was auch immer. Wir könnten somit leicht ein Europa der vielfältigen Zeitzonen bekommen. Meine Fantasie traut es den verschiedenen nationalen Regierungen zu und so könnte es zu Situationen kommen, in denen sich Österreich für eine ewige mitteleuropäische Sommerzeit, Deutschland für mitteleuropäische Normalzeit und Frankreich vielleicht wegen der westlichen Lage im Kontinent für die Greenwich Mean Time entscheiden würden. Vor lauter Umstellen der Uhren kämen Wirtschaft, Waren- und Personenverkehr in Europa nicht mehr in einen glückenden Fluss. Aber die EU-Köpfe hätten ihre Freude an ihrem größten Missverständnis direkter Demokratie, an einer regulierenden Einmischung weit über den Bedarf der Union in die Lebenssituationen ihrer Bürger, mit der gönnerischen Attitüde nationaler Selbstbestimmung im Staatenbund.

Man kann zur Zeitumstellung heute stehen, wie man will, ihre Vor- und Nachteile benennen: Die Ohnmacht in anderen Agenden damit zu kaschieren, indem man bei Problemen absolut lässlicher Bedeutung den großen Veränderungshebel ansetzt, verdeutlicht das Unvermögen politischen Handelns heute. Was breit akzeptiert ist und funktioniert, darf auch weiterhin Bestand haben. Die Zeitumstellung ist ein gutes Beispiel dafür. Sie muss bleiben.

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