Medien

Anstandsknappheit

Mit unseren Medien funktioniert das Prinzip „Aus den Augen aus dem Sinn“ perfekt und doch auch reziprok. So rückte durch einen Prozess in der vergangenen Woche wieder in Erinnerung, was in Österreich am Neujahrstag nach Bekanntmachung des Neujahrsbabys 2018 in den sozialen Medien eruptiv hochschwappte: purer Hass, gerichtet gegen die kopftuchtragende Mutter. Eine 48-Jährige musste sich darum vor Gericht verantworten, sie ist mehrfach vorbestraft, zeigte sich weiterhin uneinsichtig und erhielt eine dreimonatige unbedingte Haftstrafe. Die Justiz bewies Härte (das Urteil ist noch nicht rechtskräftig).

Vor acht Tagen nun erschien in meiner Tageszeitung ein knapper Einspalter, in dem wiedergegeben wurde, was die Freiheitliche Partei Österreichs mittels Originaltextaussendung über die Austria Presse Agentur nach zwei langen Tagen trotziger Unentschlossenheit bzw. Negieren des Sachverhalts zu sagen hatte: man drückte ein Bedauern aus, einen jungen Asylwerber in Lehre des Interesses an einer terroristischen Organisation bezichtigt zu haben.

Zwei Tage zuvor wurde seitens der Staatsanwaltschaft bekannt gegeben, dass die Anzeige gegen den falschen jungen Herrn gerichtet war. Der Anzeigende, Klubobmann der Partei im österreichischen Nationalrat, ist sich bis zum heutigen Tag zu gut dafür, sich bei diesem zu entschuldigen. Sprache bildet Wirklichkeit ab: das Ausdrücken von Bedauern formuliert reflexiv auf die eigene Handlung eine unliebsame Irritation und wischt diese weg. Das Entfernen einer zu Unrecht zugesprochenen Schuld braucht das konkrete Verb (ent-schuldigen) in einem Satz mit Subjekt und Ansprache jener Person, von der die in die Öffentlichkeit hinausposaunte „Schuld“ (die eben keine ist) wieder zu nehmen ist.

Wir wissen, dass Rechtspopulismus mit Erregungen arbeitet und dabei ganz gezielt auch mit Emotionslagen in den eigenen Wählerzielgruppen, die dann rasch einmal kommentieren, dass da schon irgendetwas dran sein werde. Die Dreistigkeit dieser Angelegenheit beginnt aber viel früher. Der besagte Lehrling erhielt Öffentlichkeit durch den Besuch des Bundespräsidenten, der sich in diesem Kontext für Lehrausbildung junger Asylbewerber ausgesprochen hatte. Das passte dem Rechts-Außen-Koalitionsjunior ganz und gar nicht ins eigene ideologische Konzept. Dass daraufhin Parteimitarbeiter – beschönigend formuliert – schlampig recherchieren und eine Wirklichkeit frei von Fakten konstruieren, ist durch Vorsätzlichkeit motiviert. Da wollte man dem Herrn Bundespräsidenten eins auswischen, mit jedwedem Mittel, zu Lasten und Schaden eines unbescholtenen jungen Herrn. Die Sache wird ein juristisches Nachspiel haben. Die Justiz wird neuerlich Härte beweisen müssen. Anstandsknappheit braucht Eingrenzung, denn sie tendiert per se dazu, immer schonungsloser um sich zu greifen.

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