Sprache

Das mit dem „gemma!“

Für alle, die nicht mit der wunderbaren Welt des österreichischen Deutsch und da insbesondere mit der Sprachebene seines Dialekts vertraut sind, sei vorab übersetzt: „gemma“ ist die Verschleifung der Aufforderung „gehen wir!“, also das, wofür die Italiener ihr „andiamo“ haben und die Spanier mit „vamos“ einladen. Ein Imperativ, der die Aufforderung, gemeinsam (wir) etwas zu tun, und zwar in einer Bewegungsform (gehen), knapp fasst – und herzlich.

Das „gemma“ ist sprachhistorisch gesehen alt, gut eingeführt, es symbolisiert Zusammenhalt. Die allgemeine Sprechfaulheit – also, sage es so kurz wie möglich und es kennen sich in Folge alle aus! – findet im „gemma!“ eine wirkliche geniale Formel, impulsiv aussprechbar und zumeist auch von einer unbestreitbaren Klarheit: Aufbruch!

Seit wenigen Jahren greift aber eine hypertrophe grammatikalische Erweiterung ans „gemma“. Dieser Dialektimperativ kann Ergänzung finden, zum Beispiel um ein simples Objekt. „Gemma Kino!“, eigentlich die um die Präposition gebrachte Ortsergänzung (richtig: „Gemma ins Kino!“), die zu einem Objekt im Akkusativ degradiert wird, wen oder was „gemma“? Kino. Ein anderes beliebtes Beispiel: „Gemma BILLA!“ (#notspons, jede andere Lebensmittelkette könnte ebenso hier mit Firmennamen eingesetzt werden) zeigt eine weitere Facette, indem das Ziel fürs Tun steht, gemeint nämlich das Einkaufen von Lebensmitteln. Doch im spartanisch mit Wörtern und Semantik hantierenden Dialekt ist ein „Gemma, um Lebensmittel einzukaufen!“ schon viel zu viel Atemluft, die unnötig in eine kurz notwendige Absprache investiert werden müsste.

Es ist kein Geheimnis, dass diese Verkürzungen im Dialekt auch eine Inspiration aus dem Sprachgebrauch von jenen finden, die im deutschsprachigen Raum leben und nicht Deutsch als Muttersprache haben. Hier setzen sich jene durch, die sich aus welchen Gründen auch immer insbesondere die Welt der Fälle von Nomen, ihrer Endungen, der zugehörigen Artikel und erst recht auch all das mit den richtigen Präpositionen bei Umstandsergänzungen als zu kompliziert oder ohne Notwendigkeit eines sprachlichen Feinschliffs vereinfachen. Weil es fürs Durchkommen im Alltag auch so ausreicht.

Warum aber nun die aktuelle Werbekampagne für Auffrischungsimpfungen gegen Corona mit dem Slogan „Gemma boostern!“ (gemma plus Infinitiv statt Präposition mit nominal eingesetztem Verb – „Gemma zum Boostern!“) diesen Sprachgebrauch auf-, annehmen und verstärken muss, entzieht sich jedem Verständnis. Außer diesem: Es handelt sich um unreflektierte „Kreativität“ (?) der beauftragten Werbeagentur, die da gar nicht mitdenkt, dass die insbesondere adressierte Zielgruppe (Vorerkrankte, Menschen älter als 60 Jahre u.a.) dominant gewiss nicht in der Welt jenes Dialekt-/Deutsch-als-Fremdsprache-Sprechens kommuniziert. Gesundheitlichen Handlungsaufforderungen steht aus Gründen notwendiger Klarheit und Seriösität Standardsprache und grammatikalische Korrektheit viel besser. So aber: Plattes Spiel mit einer Mode! Die geht vorbei. Schnell und sicher. Dann kommt sie in einigen Jahren wieder. Vielleicht besser nicht, um Leute zum Impfen zu motivieren.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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