Das renommierte Time-Magazin entschied für sein berühmtes letztes Cover des Jahres 2025, als „person of the year“ die Architekten der künstlichen Intelligenz (KI) zu präsentieren, als Verbeugung vor der einflussreichsten Technologie unserer Gegenwart.
Da wurden also auf einem Stahlbalken hoch über New York sitzend gezeigt: Marc Zuckerberg (Meta), AMD-Chefin Lisa Su, Elon Musk, Nvidia-Chef Jensen Huang, OpenAI-Chef Sam Altman, daneben Google-KI-Chef Demis Hassabis, Anthropic-Chef Dario Modei sowie die die KI beforschende Wissenschaftlerin Fei-Fei Li, die als zweite Frau in der Männerriege gerade noch auf der Foto-Montage angeschnitten zu sehen ist.
Das Cover nutzte als Vorlage ein großes historisches Foto aus dem Jahr 1932, nämlich „Mittagspause auf einem Wolkenkratzer“ (Originaltitel: „Lunch atop a Skyscraper“). Es zeigt Bauarbeiter, die sich auf dem scheinbar freischwebenden Stahlträger in luftiger Höhe stärken. Wir sehen da, gesichert nachgewiesen, zwei Männer irischer Herkunft und einen Slowaken. Und andere, es handelt sich um einfache Leute, Immigranten, die mit ihren Händen die Wolkenkratzer bauten. Nun mussten diese fürs Cover des Time-Magazins ihre Plätze für die mächtigen KI-Architekten räumen.
In die Bildkomposition, die schlecht gemacht ist (zumindest auf dem vorab publizierten Entwurf, den ich sah), könnte man mit einiger Fantasie hineindeuten wollen, dass es der KI doch noch (länger?) am feinen Schliff wirklich deckungsgleicher Simulation von Realität bzw. ihres Abbilds fehlt. Darum bleibt KI erkennbar. Ich glaube aber, dass hier meine Interpretation meinem innigsten Wunsch eine Erklärung zimmern möchte. Denn: Der Segen der Algorithmen, der mag ja sein, und vieles wird „künstlich intelligent“ gut gesteuert. Oder auch nicht: Ein schönes Beispiel ist Oberösterreichs größte ampelgeregelte Kreuzung in der nordöstlichen Peripherie von Linz. Sie ersetzte einen Kreisverkehr und sollte den starken Autoverkehr besser in Schwung halten, bis am Eröffnungstag abends dann alles eine halbe Stunde stillstand, weil die intelligente Technologie der Ampelregelung ausgefallen war.
Solange Verlässlichkeit riskant bleibt, braucht die KI den Menschen, der im Bedarfsfall auch eingreifen können muss. In Linz (Oberösterreich) hörte man nichts mehr über den selbstfahrenden Kleinbus (mit Mensch als Interventionsgarant für den Notfall in der Fahrerkabine), der in einem Feldversuch von einem Bahnhof im Süden der Stadt Mitarbeitende zum weiter draußen liegenden Gewerbegebiet „vollautomatisiert“ zur Arbeit fuhr. Ging etwas schief? Will man lieber etwas verschweigen? Ist dieses Schweigen darum sehr beredt?
Die Architekten der KI gaben der Menschheit ein Feuer, so wie einst Prometheus. Es brennt und so ganz kontrollieren wir diese Flamme noch nicht. Aber unsere Euphorie mit der KI lodert und befeuert den Hype. Ich altmodischer Mensch, der ich an Immanuel Kants Axiom vom Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, festhalte, insbesondere was Lehren und Lernen betrifft, verstehe nicht, warum empirische Forschung zur KI-Anwendung im Unterricht in einem Fragebogen die Option, dass noch keine KI angewandt wird, nicht einmal anbietet. Ich sah darin wissenschaftliche Seriösität dem Hype geopfert. Ja, der soziale Ort des Lernens, Schule, handelt und lebt weithin sicher noch ohne die kleinen Programme, die so dienstbar sein sollen. Die KI hat den Unterricht noch nicht übernommen. Sie wird ihn vielleicht einmal ergänzen, hoffentlich bewusst reflektiert, mit der Mündigkeit des Menschen, der sie nutzt; als Nachhilfe-Freund, als Lexikon oder fürs Erstellen von Routine-Hausübungen, die auch die KI kann, ist sie gewiss bei den Schülerinnen und Schülern schon angekommen.
Ich las Ende Oktober ein kluges Interview mit Hartmut Rosa, in dem er, der Soziologe, unsere Verführbarkeit mit der künstlichen Intelligenz am Beispiel des Videoassistenzschiedsrichters (VAR) im Fußball darlegte. Zuverlässig ist selbst VAR nicht. Rosa unterschied zwischen einem Vollziehen (entlang von Algorithmen, das kann die Maschine) und einem Handeln (im Rahmen von Regeln, die von Menschen gekannt, gelebt und in vielen Dimensionen rational wie emotional abgewogen und – wenn notwendig oder gerechtfertigt – auch gebrochen werden können).
Ist es die menschliche Faulheit, die bestimmte Prozesse und Entscheidungen an die Maschine auslagern möchte? Ist es ein Phänomen von Disruption des Denkens, in das wir uns (der einflussreichsten Technologie heute) ergeben? Denken lassen: Ist das nun für die zweite Hälfte der Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts der angesagte Trend?
In den vergangenen Wochen zeigte er sich mir in Alltäglichem meines Berufs. So häuften sich Mailnachrichten an mich, in denen ich mit „Sehr geehrter Herr Klimatisch!“ angesprochen wurde. Im Stolz auf meinen Familiennamen, auch ihn ehrend, setzte ich bei der Antwort in der Grußformel neben meinen korrekt geschriebenen Namen gerne in Klammer hinzu: „nicht Klimatisch“. Nicht selten vernahm ich daraufhin als Rechtfertigung, vielleicht auch Entschuldigung oder in Delegation von Verantwortung: „Google hat Ihren Namen falsch geschrieben!“. Schade nur, dass die Anerkennung der (KI-)Autorität von Google so hoch ist, dass nicht gewagt wird, die Google´sche Falschschreibung richtig zu stellen.
Foto: Weiher in der Schweiz, Oktober 2025 – Copyright by Liz Blur/Farbwerk
Kategorien:Bildung, Philosophie, Soziales Handeln
