Kulturpolitik

Gebranntes Kind

Soll ich? Mit vergangenem Freitag ließ ich eine weitere Chance verstreichen. Ich überlege seit der Premiere von „Der aufhaltsame Aufstieg von Arturo Ui“ von Bertolt Brecht im Schauspielhaus des Landestheaters Linz (Oberösterreich) immer wieder. Hingehen? Oder lieber nicht?

Das Parabelstück zählt, wie einige andere Dramen auch, zu jenen mir liebsten, von denen ich gerne verschiedene Sichtweisen in der Theaterpraxis kennen lerne. Was also hält mich auf? Meine bisherigen Erfahrungen mit Inszenierungen von Schauspieldirektor Stephan Suschke, der auch für diese Brechtfassung verantwortlich zeichnet. Gebranntes Kind scheut das Feuer, enttäuschter Theaterbesucher meidet die Vorstellung. Sein „Sturm“ tat weh, auch die „Antigone“ nach Sophokles.

Ich sage einmal so (ja, Copyright bei der österreichischen Fußballlegende Herbert Prohaska): Es ist kein Geheimnis, dass die Schauspielsparte mit dem Wechsel der Intendanz von Rainer Mennicken zu Hermann Schneider eine ordentliche Abstufung erlebt hat. Wir erinnern uns an die Empörungswelle über nicht vollzogene Vertragsverlängerungen für Künstler und wichtige Mitarbeiter im teamplay eines Theaterbetriebs, das war nur das Kräuseln auf der Oberfläche. Personal- bei Intendantenwechsel sei üblich, konstatierten die meisten Betroffenen. Passiert ist im Schauspiel viel mehr, nämlich dass ein kräftiger Ensemble-Geist und eine vielschichtige, inhaltlich mutige, nach neuen ästhetischen Mitteln suchende Konzeption des Sprechtheaterspielplans mit Aufmerksamkeitsradius im gesamten deutschen Sprachraum geopfert worden ist. Linz war unter Führung des vormaligen Schauspieldirektors Gerhard Willert ein Theaterstandort, auf den man schaute, achten musste.

Suschke kann da nicht mithalten. Natürlich erreichen einzelne Inszenierungen ästhetische Höhen, die wir unter und auch von Willert öfter und konstanter erleben durften, etwa Max Frischs „Andorra“ oder Arthur Schnitzlers „Anatol“. Von seinem Nachfolger selbst stehen Beiträge dazu aus.

Bei „Der aufhaltsame Aufstieg von Arturo Ui“ drückt viel Skepsis gegen die Entscheidung hinzugehen. Wie helfe ich mir? Christian Taubenheim (Foto: Christian Brachwitz/Landestheater Linz) spielt den Ui sicher exzellent und im breiten Aufgebot aus dem Ensemble ist auf einzelne Kräfte Verlass. Die berühmte Szene, in der ein Schauspieler Ui (Hitler) auf Sprechduktus und Posen trainiert, ist bei Vasilij Sotke bestens aufgehoben. Das schließe ich aus verfügbaren Szenenfotos, die zugleich nicht Lust auf den Kauf einer Theaterkarte und den Abend selbst auslösen. Dann war da noch der lesende Streifzug durch das, was Kollegen über den Premierenabend zu berichten wussten. Weil aus verschiedenen Beweggründen (Kulturpolitik, Kooperation in PR-Belangen) sensibilisiertes Kalkül in den Theaterkritiken der regionalen Printmedien steckt, erscheint Reflexion im überregionalen Medium vertrauenswürdiger. Norbert Mayer nannte in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ die Inszenierung „respektabel“ und füllte seine Zeilen mit viel Inhaltswiedergabe und Aufführungsgeschichte. Die zugeschriebene Eigenschaft klingt wie nach einem höflichen Wort, jener Kodierung gleich, wie sie in der Sprache von Dienstzeugnissen Verwendung findet.

Das Dilemma also bleibt. Noch habe ich fünf Reprisen Zeit, um in meinem inneren Kampf auch jener Seite Siegchance einzuräumen, die sich bisher so gegen den Besuch des „Arturo Ui“ durch mich gebranntes Kind sträubt.

Wie immer dies nun ausgeht, ähnliche Prüfungen werden folgen. Für die Spielzeit 2019/2020 kündigt das Schauspiel am Landestheater Linz u.a. eine Inszenierung von Thomas Bernhards „Ritter, Dene, Voss“ an. Ich habe die Uraufführungsinszenierung durch Claus Peymann in der den Titel gebenden Besetzung mehrfach gesehen. Und ich las, wer sich in Linz als Regisseur daran wagt.

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