Soziales Handeln

Vom Umgang miteinander

Weiß der Himmel, was mit dem United Kingdom nach dem 29. März 2019 passieren wird: einstweilen üben sich Tories, Labours und Ausgetretene im kräftigen Debattieren und Verhandeln. Im Land selbst, zumindest im nördlichen Westen von Liverpool (einer Stadt, die von der Europäischen Union nachhaltig profitierte), – genauer gesagt: in ihrem Alltag war etwas mehr als ein Monat davor kein sicht- oder hörbares Zeichen von pro und contra Brexit wahrzunehmen. Da musste man in Kalenderwoche 8 schon die BBC-News sehen oder Zeitungen aufschlagen und lesen.

Was im Fall des Austritts Ende März oder auch zu irgendeinem späteren Zeitpunkt aus der europäischen Gemeinschaft verschwindet, sind die gepflegten britischen Umgangsformen, die sich im Alltag sehr wohl spiegeln, vor allem dann und dort, wenn ungleiche Gruppen oder Einzelne zusammentreffen. Zwei Beobachtungen aus Liverpool sollen das illustrieren:

  • In der James Street, auf einem zweieinhalb Meter breiten Gehsteig, hat eine Frau im elektrisch betriebenen Rollstuhl ein leichtes Fortkommen, denn alle Fußgänger eilen zu beiden Seiten, sodass quasi ein Spalier entsteht, durch das sie ihren Fortbewegungsbehelf leicht steuern kann.
  • In der Lord Street sitzt knapp neben dem Ausgang einer Supermarktfiliale eine jugendliche Obdachlose auf dem Boden, sie isst Chips aus einer offene Tüte. Es ist Februar, es hat Temperaturen von acht bis zehn Grad, sie hält sich mit einer über ihren Schneidersitz geworfenen Wolldecke warm. Eiligen Schrittes verlässt ein junger Gentleman die Tesco-Filiale und ihm passiert Unaufregendes. Maximal zehn Zentimeter verrückt er ungewollt mit seiner Schuhspitze den Zipfel ihrer Wolldecke. Grund genug für ihn stehen zu bleiben, sich zur Jugendlichen hinunterzubeugen, sich zu entschuldigen und ihr seinen Einkauf zu schenken.

Ich schätze an den Briten diese sich mit jedem Anlass erneuernde Kultivierung gepflegter Umgangsformen, gerade gegenüber jenen, die in der Gesellschaft ihren besonders beschwerten Rucksack aus gesundheitlichen Gründen oder wegen sozialer Ungleichheit zu tragen haben. Ein Maßstab für uns alle in diesen Zeiten schwindenden Respekts und erodierender Höflichkeit!

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2 replies »

  1. Lieber Peter, Ich glaube, dass wir alle noch gar nicht abschätzen können, was wir vermissen werden und was plötzlich alles möglich sein wird, wenn einmal die Mauern gefallen sind. Which Country will be the next ?? LG Manfrex

    Von meinem iPhone gesendet Mag.Manfred Derflinger m.derflinger@eduhi.at

    >

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  2. Lieber Peter!
    Das kann ich nur bestätigen! Wir verbringen fast alle unsere Urlaube auf den Inseln und ich hab jedes Mal einen unangenehmen Kulturschock – wenn wir heimkommen! LG Eva

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