Bildung

Lobbyisten gesucht!

Es gibt nichts Dringenderes, als dass sich endlich auch einflussreiche Lobbyisten für Bildung finden, vom Kindergarten über alle Schulstufen bis zu Universitäten und Fachhochschulen. Wo sind in diesen Zeiten die Bildungsexperten, beispielsweise aus der Industrie, sonst selten verlegen um ein gutes forderndes Wort für Schule in Österreich?

Die aktuelle Situation hält nämlich die Bildungseinrichtungen des Landes weitgehend geschlossen. Die Dualität von „offen“ und „zu“ zur gleichen Zeit (Betreuung wird geboten, Unterricht darf nicht sein; Distance-Learning ja, Präsenzunterricht nein) macht den Blick auf die Situation verwirrend. Auch wenn wir nun den Lockdown verschärfen müssen, wobei alle Hoffnungen auf eine wie auch immer mögliche Rückkehr in eine Form von „Normalbetrieb“ zerstreut werden mussten, zu denken gibt, was in den Tagen der ersten Jännerhälfte für bestimmte Branchen an Erwartungen und Forderungen artikuliert worden ist.

Träumen wird man also noch dürfen: Was also wäre, wenn der Wirtschaftskammerpräsident an einem Donnerstag statt seiner Existenzangst um den Handel Ausdruck zu geben, sollte dieser bis Ostern nach Lockdown-Modell Deutschland geschlossen bleiben, sagen würde, Bildungseinrichtungen bis zum Fest der Auferstehung zu schließen, ginge gar nicht. Der Entfall von Lehren und Lernen führte zu einer Massenbildungslosigkeit (er fürchtet für den Handel zu Recht natürlich eine Massenarbeitslosigkeit). Und sein Parteifreund, der Bundeskanzler, mit einem offenen Ohr zum Sozialpartner, machte darum auch am Nachmittag des gleichen Tags nicht dem Handel (wie geschehen), sondern den Schulen berechtigte Hoffnung auf die Rückkehr in eine Normalität.

Was also wäre, wenn der Präsident des Österreichischen Schiverbands nach den Impfphasen für Alte und Kranke, Gesundheitspersonal und Risikopatienten nicht für „weit reisende Sportler“, sondern für „weit reisende Schülerinnen und Schüler und Studierende“, die sich täglich in überfüllte öffentliche Verkehrsmittel quetschen müssen, um zu Schule und Universität zu kommen, eine rasche Impfung verlangen würde?

Was wäre überhaupt, würde der Impfplan der Republik Österreich, nach den soeben genannten Gruppen handelnde Menschen des Bildungssystems zuerst impfen? Weil Lernen und Lehren ja in der Mensch-zu-Mensch-Begegnung stattfinden, Lehrerinnen und Lehrer im Pandemie-Deutsch sogar zu den „körpernahen Dienstleistern“ gezählt werden? Der Impfplan spaltet die Berufsgruppe aber, weil  Lehrpersonal der Pflichtschulen in Phase 3, jenes der Oberstufen und Universitäten allerdings erst in Phase 6 für den Stich vorgesehen ist. In dieser Ungleichheitsbehandlung steckt die Botschaft, dass Jugendliche und junge Erwachsene länger mit Distance-Learning im Lernen gehalten werden könnten. Es funktioniere ja, heißt es. Die empirische Forschung zur jüngsten Studie über „Lernen mit Covid19“ der Universität Wien zeichnet ein differenzierteres Bild dieses hoch gehaltenen Glaubensgrundsatzes.

Würden alle im Bildungswesen vorgezogen geimpft werden, in Anerkennung davon, dass Lernen und Lehren systemrelevant sind, weil es um die Zukunft junger Generationen geht, weil wir auch kluge Köpfe brauchen, die vielleicht im wiederkehrenden Fall einer Pandemie in Sachen Virologie oder Krisenmanagement fit sind, löste sich Druck von Eltern, die Betreuungspflichten haben, auf deren Erwerbsleben, beispielsweise auf Diensteinteilungen (im medizinischen und pflegenden Bereich), wenn zu Hause Kinder beaufsichtigt werden wollen. Korrekterweise sei hier angeführt, dass für Kinder unter 16 Jahre bislang keine Impfung vorgesehen ist. Hier geht es vor allem um ihre Lehrerinnen und Lehrer, viele davon übrigens im Risikoalter.

Auch wenn der Mangel an Lobbyismus hier einseitig am Bereich Bildung exemplifiziert wird, so viele andere Tätigkeitsfelder, die nur von Mensch zu Mensch gelebt werden können, sind ohne Fürsprecher, die Exekutive etwa, der gesamte Kulturbereich, Fitnessstudios, ganz still wurde es auch um die Nachtgastronomie. Das Spiel der Bevorzugung läuft. Beispiel Banken: Die sind natürlich systemrelevant, sie kommen bald dran. Aber ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten seit Monaten im Home Office. Wo ist deren Risiko im Vergleich zu einem Polizisten im Außendienst?

Dieses Kräftemessen um Einfluss, um Bevorzugung, die Ellbogenrangelei um Impfreihenfolgen gehorcht den Gesetzen der Machtverteilung vor der Pandemie. Das schlaue Virus würde uns ja dahingehend eine Lektion erteilen, wir lernen sie nur nicht.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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