Gesundheit

Walten und nicht schalten

Das Prinzip einer Ampel beruht auf dem Wechsel ihrer leuchtenden Farben, die für unterschiedliche Handlungsweisen stehen. Nur so funktioniert der Straßenverkehr, die Taktung der Farben zueinander hält uns in Bewegung.

Seit Anfang September 2020 wird die Infektionslage in Österreich durch eine sogenannte Corona-Ampel gesteuert. Ihr Prinzip: Anhand ihrer vierteiligen Farbskala (grün – gelb – orange – rot) soll die breite Bevölkerung ganz einfach verstehen können, wie die Lage im eigenen Wohnbezirk beschrieben wird, welche Maßnahmen gerade notwendig sind. Grün ist dabei in der Pandemie kein Freibrief für ein Leben in Normalitätsvorstellungen wie vor der dominanten Bestimmung unseres Alltags durch das Virus. Rot ist natürlich die höchste Vorsichtsstufe.

Grundlage fürs Schalten bieten Zahlen und Einschätzungen von Situationen im Gesundheitssystem, also Infektionszahlen, Inzidenzen, durchgeführte Tests, Belegungen von Krankenhaus- und insbesondere auch von Intensivbetten. Die Durchführung des Schaltens liegt bei einer Kommission im Gesundheitsministerium, in der entsetzlich wenig Fachleute (Infektiologie, Epidemiologie, Intensivmedizin) und darum logisch komplementär viel zu viele Menschen mit beruflicher Verankerung in den Verwaltungsstrukturen sitzen.

Der Start des Systems war, höflich gesagt, holprig. Denn schon im Moment seines In-Kraft-Tretens wurde das zur leichteren Orientierung einer Masse konstruierte Instrument von der Politik sogleich „entwertet“. Die Ansage, dass politische Entscheidungen stärker wirken als der einen ganzen langen Sommer 2020 entwickelte Maßnahmenkatalog, gab der Corona-Ampel einen Kinnhaken zum technischen K.O. in der ersten Runde.

Nun aber sitzt Österreich seit langen zehn Wochen in der Einheitsfarbe Rot und am vergangenen Donnerstag, der wöchentliche „Ampel-Schalttag“ der Kommission, unterlief dieser ein schwerer strategischer Fehler. Wortkaskadenreich begründeten die Menschen, die fürs Schalten beraten sollen, warum sie es nicht tun wollen. Das ganze Land blieb rot. Dabei hätten regional Fakten sehr deutlich dafür gesprochen, etwa die Bundeshauptstadt Wien und so manche Bezirke darüber hinaus, zum Beispiel Urfahr-Umgebung (Oberösterreich), die sich schon konstant in Inzidenzen von unter 100 (übrigens dem erklärten politischen Ziel des nach wie vor laufenden Lockdowns) bewegen, von Rot auf Orange wechseln zu lassen. Darin hätte für jene Mehrheit der Bevölkerung, die sich über kalte, graue und finstere Wintertage in der Disziplin der Einschränkung befleißigt, psychologisch ein sehr wichtiges Signal gesetzt werden können, nämlich dieses: Ja, es lohnt sich, was ihr macht. Wir sind zwar noch nicht aus dem Ganzen heraußen, aber die Richtung stimmt, macht weiter so! Die Sturheit des Verwaltens einer so zurzeit nicht mehr durchgehend faktisch gesicherten höchsten Warnstufe in der Maßnahme Ampel verleidet also zunehmend, sich zu bemühen.

Morgen Donnerstag hat die Kommission eine nächste Chance. Sie wäre gut beraten, nun Fakten wirken und anders motivierten Willen hintangestellt sein zu lassen.

Update 16.1.2021: In ihrer Entscheidung vom vergangenen Donnerstag, 14.1.2021, beließ die Kommission ganz Österreich in der Ampelfarbe Rot. Grund: britische Mutation und allgemein gefährliche Lage. Zur Verbreitung der erstgenannten gibt es noch nicht wirklich Fakten, Gefahr an sich ist auch immer schwierig zu messen.

Update 22.1.2021: „Die CoV-Ampel ist de facto außer Betrieb. Denn die für sie zuständige Kommission entschied sich am Donnerstag, bis zur Vorlage eines neuen Bewertungsrasters die regionale Risikobewertung vorerst auszusetzen. Damit bleibt ganz Österreich rot, obwohl mittlerweile elf Regionen, darunter Wien, die alten Kriterien für Orange erfüllen würden.“ (www.orf.at, 22.1.2021) – Ohne auch nur irgendeinen weiteren Kommentar, denn zuerst ist man fassungs-, dann (vorerst einmal) sprachlos.

Update 8.2.2021: Wien wurde am vergangenen Donnerstag auf Orange umgestellt, der Faktenlage folgend müsste am Donnerstag dieser Woche Gleiches mit Oberösterreich geschehen.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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