Politik

Er war ja noch jung

Ein als politisches Talent gehandelter junger Mann ist zu hoch geflogen, wie einst Ikarus mit den durch Wachs zusammengehaltenen Flügeln. Er kam der heißen Sonne von Ibiza zu nah. Das Wachs als Kitt der Koalition, kein wirklich haltbares Bindemittel, schmolz rasch. Nun stürzte der Jüngling in die blauen Fluten und ertrank in ihnen.

Sebastian Kurz hat hoch gepokert, sein Aufstieg war von langer Hand strategisch vorbereitet. Sein Vorgänger Reinhold Mitterlehner lässt dies in seinem Buch „Haltung – Flagge zeigen in Leben und Politik“ in einer kaum zu bezweifelnden Darstellung Revue passieren. Er brach die Koalition mit den Sozialdemokraten. Er schlug Wahlen, er gewann sie. Er sprang ins gemeinsame Koalitionsbett mit der Freiheitlichen Partei Österreichs und schlüpfte als mittels Verjüngungskur türkis gewordene neue Volkspartei mit dem Juniorpartner unter die Decke des Populismus. Er duldete alles, sogar Herbert Kickl, den eiskalten Parteistrategen der Freiheitlichen, den Hardliner, einen Hauptredner auf dem von Rechtsextremen frequentierten Kongress der „Verteidiger Europas“ in Linz, als Innenminister. Er schaute bei der BVT-Affäre und bei Dutzenden „Einzelfällen“ weg, bis die Blindheit im Koalitions-Honeymoon der Realität wich, langsam. Identitäre, Rattengedicht, Bevölkerungsaustausch. Dann Wodka, Red Bull, lose Zungen vom Partner in der Finca auf Ibiza. Als ob da plötzlich Masken fielen, als ob der Partner inflagranti ertappt worden wäre! Sebastian Kurz war mit der neuen Volkspartei die Angetraute, die zusah und zu lange duldete. Nichts, was in knapp eineinhalb Jahren Koalitionsarbeit irritierte, von Abstrusitäten wie inszenierten Grenzschutzgroßübungen bis zu einer Sozialministerin, die im Nationalrat hysterisch herumkreischte, nichts davon – nein, ein zwei Jahre altes Urlaubsvideo zerstörte die sich in Unbekümmertheit definierende Selbstwirksamkeit des jüngsten Regierungschefs in der Europäischen Union.

Dieser Störung im Selbstbild musste er darum 24 Stunden nach Ibizagate in einem geradezu kindlichem Trotz gleichenden Stakkato von Ich-Botschaften entgegentreten. Im Internet kursieren Schnitt-Bearbeitungen des Fernsehauftritts, die die Häufigkeit des „Ich“ in seiner Rede herausarbeiten. Ist es nicht zugleich das „Ich“ der Rechtfertigung, in Endlosschleife, wie wir es vom Kind hören, das bei einer Fehlleistung ertappt worden ist?

Ich-AG hat in der Politik, in der es den Menschen eines Landes zu dienen gilt, am wenigsten einen Platz. Mich erinnern die vielen „Ich“ von Kurz daran, was ich in sozialer Interaktion mit Menschen seiner Generation erlebe und was mir zu denken gibt: Ich empfinde bei so manchen Jungdreißigern ihr Einfordern eines Servicierens für ihre eigenen Aufgaben und Bedürfnisse und darin die Stärkung ihres Ich – man könnte auch sagen, ihres stolzen Egoismus – in unangenehmer Dominanz. Ich hätte mir dies vor 20 Jahren (ja, ich bin jetzt betulich!) gegenüber der Generation vor mir nicht erlaubt. Beschäftigt hat mich dazumals die existenzielle Absicherung meiner Familie, in der wir uns als junge Eltern gefordert zeigten, Alltag, Betreuungs- und Erziehungspflicht, Beruf und Familienfreizeit in Abstimmung zu bringen, ohne dem eigenen Ich den Mittelpunkt geben zu können. Den hatte ohnedies und zu Recht unser Kind okkupiert.

Kurz flog also schnell und zu hoch und zu verliebt in sich selbst. In den vergangenen Tagen, vor allem mit seiner Rede am Samstagabend nach Ibizagate, mit Wahlkampf- und auch antisemitischen Tönen begann er, über die Stränge zu schlagen. Er teilte den eingesetzten Experten der Übergangsregierung Kabinettspersonal aus der eigenen Fraktion zu und betrieb damit ohne Votum aus dem Volk und ohne Diplomatie einer Koordination mit der Opposition zum Wohl des Staats Machtausbau. Hochmut nennt man das. Heute hat ihn der Nationalrat deswegen mittels Misstrauensantrags zu Fall gebracht.

Er hat politisches Talent, zweifelsohne. Er hat sich selbst darin verheizt. Er täte gut daran, sich zurückzuziehen, nun nicht als Märtyrer in einen Wahlkampf einzusteigen. In seinem Fall würde nur Distanz die Lage und auch seine Person für eine Rückkehr in die Politik zu einem späteren Zeitpunkt neutralisieren. Ansonsten wird dereinst in den Geschichtsbüchern neben der Darstellung all seiner Blindheit in der falschen Partnerwahl für die kurze Koalitionsehe eines stehen, es mag es ihn verniedlichen und trifft doch seine Mängel als Staatsmann: er war ja noch jung.

Foto: Wikimedia Commons CC-BY-4.0: © European Union 2019 – Source: EP

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1 reply »

  1. Lieber Peter Wir haben wohl zur gleichen Zeit Ähnliches geschrieben- siehe FB. Du wohl etwas ausführlicher und gefeilter. Österreich wird munter werden müssen. Bin gespannt auf VdB LG aus Sardinien Manfred

    Von meinem iPhone gesendet Mag.Manfred Derflinger m.derflinger@eduhi.at

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