Politik

Wie ein Vater zu seinem Sohn

Lieber Sebastian! Ja, ich gestatte mir die vertrauliche Anrede, du hast sie in deinem Wahlkampf ja allen angeboten. Außerdem: ich könnte, hätte ich früh begonnen, tatsächlich dein Vater sein. Zu deinem morgigen 32. Geburtstag, deinem ersten als österreichischer Bundeskanzler, möchte ich dir darum einige väterliche Gedanken mitgeben. Ich weiß schon, du sagst, was will der Alte, du stehst ja längst auf eigenen Füßen und tust, was du tun musst. Ich will mich auch nicht in dein Leben einmischen, väterliche Gedanken sind von Erfahrungen getragen, einen Sohn will man daran teilhaben lassen.

Unbestritten ist, dass du politisches Talent hast. Es gibt viele, die dir dies bestätigen. Nur scheint sich dieses in einer anderen wirklich sensationellen Begabung von dir bereits zu erschöpfen, deiner Rhetorik. Zugleich zeigt sich in der allerdings eine Grenze. Du hast dir diese dort errichtet, wo du zu verbalen Entgleisungen in deinen eigenen Reihen und auch in denen deines Koalitionspartners Stellung nehmen müsstest. Bei diesen an Häufigkeit zunehmenden üblen Anlässen funktioniert deine „message control“ so ganz und gar nicht. Du bist der Bundeskanzler, die Führungspersönlichkeit des Regierungsgeschehens in Österreich. Darin solltest du, trotz deiner noch jungen Jahre, so etwas wie eine moralische Instanz erkennen lassen. Mir ist schon klar, dass es schwierig ist, ältere Parteifreunde und Gefolgsleute deines Vizekanzlers zurechtzuweisen, weil dir die vielleicht dein Abmahnen als Unhöflichkeit gegenüber ihrem Alter vorhalten. Sei da respektlos! Beginne nicht nur damit, sondern erweise dich als beharrlich! Es geht um das Land, für das du Verantwortung übernommen hast.

Du solltest dich auch darin üben, aus deiner Wertewelt und deinem Lebensstil in Gedanken auszubrechen. Fühle dich ein, etwa in Lebensverhältnisse einer Alleinerziehenden, eines Ehepaars mit Mindestpensionsbezug, in Situationen, in denen es schwierig ist, sich das Heizen einen Winter lang auch tatsächlich leisten zu können, in Familien, in denen Mitglieder durch Krankheit geplagt und ihre Angehörigen durch Pflege zusätzlich zu ihren beruflichen und privaten Pflichten intensiv gefordert sind. Empathie ist heutzutage eine unerlässliche Tugend. Versuche, dich in ihr zu üben!

Dazu gehört auch, dass du dich – es gehört ins Rollenverständnis eines Bundeskanzlers – Meinungen aktiv stellen musst, die nicht die deinigen sind. Als du Ende Juli wandern warst, so ganz offiziell, und Frauen von Attac in Dirndlkleidern ihre Meinung zum 12-Stunden-Tag dabei zum Ausdruck gebracht haben, war es für ein Amtsverständnis in einer demokratischen Gesellschaft kontraproduktiv, dass du dir den Protest durch deine Sicherheitsleute vom Kanzlerleib gehalten hast. Was hat dich daran gehindert, mit den Frauen eine Viertelstunde zu diskutieren? Du hast gemeinsam mit deinem Juniorpartner im Oktober 2017 57,5 Prozent der Wählerstimmen gewinnen können und musst als Demokrat aber nicht nur anerkennen oder akzeptieren, sondern aktiv damit arbeiten, dass 42,5 Prozent der Wahlberechtigten anderer Meinung sind.

Und wenn wir schon bei der Demokratie sind: ihr Motor ist ein gelebter Parlamentarismus, in dem Prozesse der Gesetzgebung eingehalten werden, in Achtung der Option auf Beteiligung, Begutachtung, Debatte und dann Beschluss, das hat ja auch alles mit Qualität politischer Arbeit zu tun.

Und noch ein letzter Gedanke: mach dein Studium fertig! Du weißt nie, wann du es brauchst.

Alles Gute zum Geburtstag!

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