Essen & Trinken

Gib und nimm!

von Mila Rathenböck

Hast du Essen, das du nicht mehr brauchst, so gib es jemand anderem

Aus dem Leben einer Studentin in einer bekannten österreichischen Studenten-Stadt: Sonntag Nachmittag. Kein Brot daheim und morgen den ganzen Tag Uni. Mist.

Graz, letzter Uni-Tag vor den Ferien und noch ein halber Paprika und ein fast voller Liter Milch im Kühlschrank. Wegwerfen wäre schade – was tun?

In einem versteckten Winkel eines Pfarrhauses einer Kirche inmitten der Stadt hat vor ein paar Jahren jemand eine „Foodsharing“-Station aufgebaut. Foodsharing, was soll das denn bitte sein? Modernes Brot-Teilen quasi? Ja, kind of. Das Prinzip besteht aus gemeinschaftlichem Geben und Nehmen, der Umwelt zuliebe und dem Wegwerf-Wahnsinn entgegen. 24 Stunden am Tag geöffnet können so Leute/Bäckereien/ja sogar Supermärkte beliebig ihre nicht mehr verkäufliche Ware dorthin „entsorgen“. Im Foodsharing-Schrank landen so Brot von gestern, weiche Semmerl und Pizzaweckerl. Im Kühlschrank nebenbei finden sich Gemüse, Marmeladen, Milchpackerl mit einem Ablaufdatum von nächster Woche. Produkte, die niemand mehr haben will. Niemand? Nein, die kleine Studentin hier freut sich über gratis Brot, einen original-verpackten, bis übermorgen haltbaren Hummus-Aufstrich und eine schöne Espresso-Tasse, die ebenfalls jemand „ankriegen“ wollte.

Foodsharing beruht auf Gegenseitigkeit, Ehrlichkeit und Vertrauen. In Österreich ist „Waste-Dumping“ verboten und „Foodsharing“ reiht sich direkt dahinter ein – eine Alltags-Absurdität der First World, wie es kein besseres Beispiel dafür gibt.

Hast du Essen, das du nicht mehr brauchst, so gib es jemand anderem.

Logisch, oder? Ein uraltes Prinzip, vergessen und verdrängt vom gewinngierigen Kapitalismus, in dem wir leben. Illegal gemacht von Menschen, die sich über die Kosten von Lebensmitteln schon lang keine Gedanken mehr machen müssen. Ob mir vor dem Essen dort graust? Nein, eigentlich nicht. Der Foodsharing-Stand ist kein aufgeräumter, täglich geputzter Supermarkt, das ist klar. Da schaut nicht jede halbe Stunde jemand nach, ob das Obst eh noch nicht schimmlig ist. Aber dort kostet ein Laib Brot auch nichts. Und der rote Paprika im Eck des oberen Kühlschrank-Fachs macht sich bestimmt gut im Salat heute Mittag. Außerdem – in Zeiten, wo die gesellschaftlichen Regeln uns einreden, dass alle anderen außer die eigene Familie grauslich sind, tut ein bisschen „Abhärtung“ sicher nicht schlecht. Dass man nicht allem blind vertrauen darf, ist auch klar – das sagt einem aber der Hausverstand.

Für mich ist die Foodsharing-Station eine Möglichkeit, der Konsum- und Geldgier der Lebensmittelindustrie zu trotzen, auf die Umwelt und die Produkte, die sie uns liefert, achtzugeben und meinen angefangenen Liter Milch vor den Ferien loszuwerden.

Mila Rathenböck studiert Medizin und betreibt einen YouTube-Kanal. Dieser Gastbeitrag erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin, bei der alle Rechte dieses Texts liegen.

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